Kultur : Dreh dich nicht um!

Videowalk: Janet Cardiff und George Bures Miller machen das Berliner Hebbel-Theater zur medialen Geisterbahn

Christina Tilmann

Die alten Häuser haben es den beiden Künstlern angetan: Kinos, Museen, Theater. Auch das Hebbel-Theater ist so eins: ein Haus mit Charakter, mit Geschichte – eine „Ghost Machine“. „Ist es nicht schön, dieses Theater mit den alten Holztäfelungen“, raunt dir eine Stimme ins Ohr, während du im ersten Stock in der Loge sitzt und auf die Bühne blickst. Später geht es dann treppauf, treppab („So viele Treppen in diesem Haus“), durch Foyer, Garderobe, Heizungsraum bis auf die Bühne. Schwere eiserne Türen müssen geöffnet und wieder zugezogen werden: „Jetzt rechts, jetzt links, jetzt stehen bleiben. Hör zu“, raunt dir die Stimme ins Ohr.

Es ist ein „Videowalk“, mit dem die kanadischen Künstler Janet Cardiff und George Bures Miller auf Wunsch des Hausherrn Matthias Lilienthal das Hebbel-Theater (HAU 1) erforschen – und den Besucher dabei auf einen ungewohnten Psychotripp schicken. Der Clou nämlich: Jeder wird einzeln losgeschickt, ausgestattet mit einer Videokamera und einem hochsensiblen Kopfhörer, der den Raumton perfekt simuliert. Das heißt: du hörst die Schritte hinter dir, auf der Treppe, das Rascheln des Theaterbesuchers neben dir, das Keuchen des Verfolgers. Irgendwann drehst du dich um, ein schneller Schreck: Hinter dir steht schon der nächste „Ghost-Gänger“ mit seiner Kamera: die Besucher werden im Abstand von 90 Sekunden losgeschickt.

Die Geister, die man auf dieser Reise trifft, verknüpfen sich nur lose zu einer Story. Irgendwann steht da der Schauspieler Lars Rudoph auf der anderen Straßenseite, winkt, und das Handy des Nachbarn klingelt: „Es ist für Sie.“ Und Lars Rudolphs dunkle Stimme wispert ins Ohr. Später wird er von Sicherheitskräften aus dem Theater geworfen, steht auf der Bühne, spielt Klavier. Und man folgt einer aparten jungen Japanerin im Abendkleid (Laurie Young aus der Truppe von Sasha Waltz), steht mit ihr plötzlich auf einer nassen, leeren Landstraße und sieht sie später im Spiegel entschwinden, wie Alice im Spiegelland. Es ist von Geistern der Großmütter die Rede, und am Ende singt ein Sopranist eine Arie von Giovanni Aldega: „Domine Salvum Fac“.

Da ist der Besucher schon längst dem Vexierspiel aufgesessen. Der Trick nämlich ist: Auf dem Videoschirm der Kamera sieht er das Theater, als filme er selbst: den Eingang, die ankommenden Theaterbesucher, die Treppe hinauf zum Foyer, den Zuschauerraum, der sich langsam mit Menschen füllt, die Bühne. Doch der Film läuft unbarmherzig weiter, man kann ihn nur in den Bewegungen nachvollziehen. Und irgendwann stellen sich erste Irritationen ein: der Deckel des Klaviers, im Film geöffnet, ist in Wirklichkeit geschlossen, dort in der Ecke lag im Film ein Stein, hier nicht, die Matratze dort gibt es auch nicht mehr und im Obergeschoss wird im Film gerade renoviert, die Schritte knirschen auf Plastikfolie, es stehen Eimer und Leitern herum, doch in Wirklichkeit ist alles schon neu.

Wirklichkeit, Illusion: Schnell beginnt man an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, zu übermächtig ist die Illusionskulisse, die durch Bild und vor allem Ton suggeriert wird. Wo in den Ohren die Schritte der Besucher, das Knistern der Folie, das Murmeln im Zuschauerraum absolut realitätsecht klingt, traut man den Augen weniger als den Ohren, glaubt, was man hört, nicht, was man sieht. Das war schon in „Paradise Institute“ so, der Arbeit, mit der Cardiff und Miller auf der Biennale in Venedig 2001 international bekannt wurden und die später auch im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen war: ein Miniaturkino, das dem Besucher mittels Kopfhörer die Geräusche seines Nachbarn, das Popcornknistern und Rascheln der Gewänder einspielt und so ein voll besetztes Haus suggeriert, bis irgendwann das Geschehen auf der Leinwand und das im Auditorium beunruhigend verschmilzt.

In „Ghost Machine“ sind Cardiff und Miller noch einen Schritt weiter gegangen, haben den Besucher zum Handelnden, zum Filmenden gemacht – und führen ihn doch am Gängelband des vorgefertigten Films. Denn eins kann man nicht tun: anhalten, den Film zurückspulen oder die Kamera in eine andere Richtung bewegen oder gar selbst ins Geschehen eingreifen. Man ist Beobachter, aber nicht Akteur – jedenfalls meistens nicht. Nur in zwei Szenen kehrt sich das um. Du bist der körperlosen Stimme (in der englischen Version die Künstlerin Janet Cardiff selbst, in der deutschen die Schauspielerin Sophie Rois) gefolgt bis in die Künstlergarderobe. „Dreh dich nach links, zoome auf den Spiegel“, flüstert es. Und da erscheint auf dem Videoschirm ein Bild in eben diesem Spiegel: die Künstlerin mit der Kamera, die dich fixiert. „So sehe ich aus. Es ist doch immer gut zu wissen, wie der aussieht, den man hört“, sagt sie in dein Ohr. Und die Rolle verkehrt sich: Der Künster wird gefilmt, der Rezipient wird Schöpfer.

Und, schöner noch, das Finale: Bis auf die Bühne hat der Weg geführt, du blickst in den Zuschauerraum, wo der Sänger gerade seine Arie singt. Und noch ein wenig später stehst du selbst im Zuschauerraum, an eben dieser Stelle, hörst noch die letzten Takte der Musik und auf der Bühne erscheint der nächste Besucher, 90 Sekunden später, hält die Kamera auf dich. Auf seinem Schirm erscheint wahrscheinlich jetzt gerade der Sänger. Aber du weißt: er sieht dich.

Janet Cardiff/George Bures Miller, Ghost Machine, HAU 1, Stresemannstr. 29, bis 20. Februar, täglich 16–23, 13. und 20. Februar 12–23 Uhr

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