Kultur : Dreh dich um

Gespenster: Daniel Richter bei Contemporary Fine Arts

Christina Tilmann

Am Ende wird er hinter sich ganz leise die Tür zuziehen, der Mann auf dem Bild. Und wird verschwinden, im leeren Raum. Im Dunkel. Im Wald. Oder im Nichts. Und alles, was wir von ihm gesehen haben, ist sein Rücken. Gebeugt. Beschwert. Als trüge er die Last der ganzen Welt.

Der Rückenakt: wahrscheinlich das romantischste, berühmteste, auch das einsamste Motiv der Kunstgeschichte. Ein Mensch allein mit sich und der Landschaft, und der Betrachter, der das Gesicht nicht sieht, übernimmt die Rolle. Daniel Richter greift das Motiv für seine jüngste Galerieausstellung bei Contemporary Fine Arts in einer ganz erstaunlichen Serie auf: sieben großformatige Rückenakte (je 70000 Euro, alle Bilder der Ausstellung sind verkauft) reiht er aneinander. Ein nackter Mann, der in den Bildrahmen hineintritt, in grau-schwarze Blockstreifen. Ein Punk, der ein rotes Zimmer durch die Tür verlässt und sich ins schwarze, gähnende Nichts begibt. Ein Harlekin auf rot-weißem Boden, und das Nichts vor ihm fast noch schwärzer, noch gähnender. Einer, der vor der Wand hockt und sie anstarrt, sinnlos genug. Und am Ende liegt der Mensch am Boden, bleich, ja totenblass, und starrt an die Decke. Der tote Blick des Malers.

Das Verschwinden der Kunst, auch das könnte hier gemeint und gemalt sein. Die Geste des Verschwindens, Aufgebens, Abschließens ist überdeutlich. An Samuel Beckett fühlt sich Galeristin Nicole Hackert bei Richters neuen Bildern erinnert, an dessen Vereinsamung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Nicht umsonst tauchen immer wieder Harlekins auf, die wohl traurigsten Figuren der Kunst überhaupt. Was bei Picasso und Cézanne noch Außenseiter und Akrobaten waren, sind bei Richter Masken, Larven, Totentänzer. Ein Bild wie „Oriente“ (95000 Euro) erinnert viel eher an James Ensor als an Picasso: Drei Harlekins kauern, Bettlern gleich, am Boden, einer davon hält eine Puppe wie eine Pulle Bier, und einer vierter stützt sich verzweifelt gegen die theatralisch rote Wand: wieder die Rückenansicht.

Gespenster bevölkern die anderen Bilder, bleiche Schemen in der Landschaft, die in „Küss die Schlampe, Flagge“ (95000 Euro), wie überbelichtet wirkt, nur noch weiße Baumstämme zeigt, ein Netz aus Zweigen. Man fühlt sich an Peter Doig erinnert, an dessen mystisch verschwommene Landschaftsbilder – und, in Bildern wie „Poor Girl“ (90000 Euro), an Neo Rauchs surreal-realsozialistische Welten. Vielleicht ist es das, was bei aller Virtuosität dazu führt, dass diese opulenten, großformatigen, groß angelegten Bilder den Betrachter trotzdem merkwürdig kalt lassen. Richter spielt derart geschickt auf der Klaviatur der Kunstgeschichte, der Technik und der Perspektive. Er bedient Emotionen, feiert ein Fest der Farben, aber die existenzialistische Krise, die seine Bilder verkünden, bleibt, den Verdacht wird man nicht los, ein wenig Pose. Der Clown, der Harlekin spielt viele Rollen. Seine Tragik ist, dass man sein Gesicht unter der Maske nie erkennt.

Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21, bis 9. Juli; Dienstag bis Freitag 10–13 und 14–18 Uhr, Sonnabend 11–17 Uhr.

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