Kultur : dreht ab Prag

Die tschechische Hauptstadt ist fürs Kino die Stadt für alle Fälle: Mal spielt sie London, mal Paris, Zürich oder Miami. Woche für Woche nutzt Hollywood die Altstadt als Kulisse. Und die Einheimischen finden: Langsam reicht’s!

Hindeja Farah

Die Chefin des britischen Geheimdienstes ist außer sich. Was kann so schlimm sein, dass sie, M, aus der Sitzung des House of Lords gerufen wird? Der Dritte Weltkrieg? Außerirdische? Nein, Agent 007 ist der Grund. Er hat sich benommen wie Rambo und vor laufenden Kameras in einer Botschaft einen Terroristen erschossen.

M läuft einen Flur des Londoner Palace of Westminster hinunter und schimpft: „Herrgott, wie mir der Kalte Krieg fehlt!“ Früher seien Agenten bei solchen Peinlichkeiten wenigstens aus Scham übergelaufen, aber dieser Bond habe einfach keinen Anstand!

Doch Judi Dench war in ihrer Rolle als M gar nicht in Westminster. Die Szene wurde in Prag gedreht, auf der anderen Seite des früheren Eisernen Vorhangs, in einem Flur in der Klosterbibliothek Strahov auf dem Hügel der Prager Burg. Zwischen sepiabraunen Globussen, ledergebundenen Büchern und Samtvorhängen jagte auch schon Johnny Depp in „From Hell“ (2001) Jack the Ripper, und Sean Connery heckte in „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ (2003) als Allan Quatermain mit Captain Nemo und Tom Sawyer einen Plan aus, um die Welt vor einem Terroranschlag zu retten.

Wunderbare Filmkulissen gibt es in Prag viele: Die schnörkeligen Jugendstil-Fassaden der Altstadt, die goldene Balustrade auf dem Renaissance-Dach des Nationaltheaters, die gramvollen Gesichter der Steinfiguren auf der Karlsbrücke, die Turmspitzen des Týnská Doms, die hoch über dem Altstadtring wie verwunschene Hexenhüte in den Himmel stoßen.

Schon in den 80er Jahren hat Prag die internationalen Traumfabriken angelockt, und mittlerweile kommen die ganz großen Namen: Universal Pictures produzieren derzeit „Wanted“, einen Science Fiction-Streifen mit Morgan Freeman und Angelina Jolie. Der französische Regisseur Mathieu Kassovitz hat Anfang des Jahres sein düsteres Werk namens „Babylon AD“ an der Moldau gedreht, und Walt Disney Pictures sind schon zum zweiten Mal hier: Der erste Teil der „Chroniken von Narnia“ entstand 2005 in Prag, die Fortsetzung ist in Arbeit.

Sonntag, vor dem Rudolfinum, der Prager Philharmonie. Vor dem Neorenaissance-Gebäude stehen ein Dutzend schwarze englische Oldtimer, die runden Kotflügel glänzen in der Sonne. An die Seite des Rudolfinums hat die Filmcrew einen Eingang zur Londoner U-Bahn gezimmert, aus Holz und Pappe: Trafalgar Square in den 40er Jahren. Lucy, Edmund und Peter, die jungen Helden des Films, werden sich gleich vor einem Kiosk unterhalten und dann hinunter zur U-Bahn gehen. Das ist der Plan, aber so weit ist die Crew noch nicht. Die Vorbereitungen laufen. Einen halben Kilometer südlich der Philharmonie, an der Karlsbrücke, ist die Straße gesperrt, vier Männer in neongelben Westen lotsen die Touristen in großem Bogen um den Drehort.

Aus ihren Funkgeräten plärrt es ständig. „Gelbe Weste im Bild! Zur Seite, Mann!“, oder „Die Kühe traben immer noch!“. Damit wissen sie, dass sie die Passanten noch zwei Meter weiter in den Schatten bitten müssen, raus aus der Straßenflucht, die hier gefilmt werden soll.

Für die Prager, „die Kühe“, die hier wohnen, sind die Filmarbeiten lästig. „Drehen die schon wieder Krieg?“, fragt Petra Rieglová, 35, die gerade mit einer Freundin am sonnigen Rudolfinum-Ufer spazieren gehen wollte und jetzt im Schatten warten muss. Und die Freundin Dana Koudelková, 35, Zahnärztin, mit rosa Seidenschal, nimmt das alles mit typischer Prager Ironie: „Den Kommunisten können wir ja fast dankbar sein, dass die Stadt an manchen Stellen noch so verfallen ist, hier kann man ständig Drittes Reich drehen, ganz ohne Aufwand.“ Die Passanten lachen, und sie redet gleich weiter: „Ist natürlich gut für unsere Wirtschaft, dass die Dreharbeiten hier so billig sind. Schade nur, dass wir Prager immer den gleichen Preis im Kino bezahlen müssen.“

Prag hat es verstanden, aus seiner alten Schönheit ein gutes Geschäft zu machen: Die Stadt an der Moldau ist eine internationale Filmstadt. Zwei Gründe waren für den Erfolg entscheidend: Zum einen sind die Produktionskosten hier immer noch um 30 bis 40 Prozent billiger als im Westen, zum anderen hat Prag – anders als Budapest oder andere Billig-Konkurrenten aus dem Osten – über Jahrzehnte Filmgeschichte geschrieben.

Die Barrandov-Studios, gegründet von der Familie des früheren Präsidenten Václav Havel, gibt es seit den 30er Jahren. Etwa 2 500 tschechische und internationale Filme wurden hier produziert, darunter das Märchen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, das an Weihnachten auch in Deutschland jedes Jahr zu Tränen rührt.

Die erste internationale Größe, die hier drehte, war 1983 Barbra Streisand. Für ihr Musical „Yentl“ entstanden ein paar Szenen um die Karlsbrücke, die in ihrem Film ein polnisches Schtetl schmückt. Zu einem Aushängeschild für Prag wurde kaum ein Jahr später der Dreh des Exil-Tschechen Miloš Forman. Er hatte gerade fünf Oscars für „Einer flog übers Kuckucksnest“ gewonnen und kam samt seiner Crew, um in den Gassen der Altstadt den Mozart-Film „Amadeus“ zu produzieren. Acht Oscars für „Amadeus“ brachten Prag die beste Werbung. Nach der Wende wagten sich als erste Paramount Pictures hierher, um Mitte der 90er „Mission: Impossible“ zu verfilmen. Und nachdem Tom Cruise in unlösbarer Mission über den Altstadtring gerannt war, kamen plötzlich alle: Universal Pictures, Columbia Pictures, 20th Century Fox.

Damit die Produktionsfirmen finden, was sie brauchen, gibt es in Prag die Location Manager. Und wenn 20th Century Fox anruft und fragt: „Wir brauchen, London, Jack the Ripper, 19. Jahrhundert, habt ihr das?“, dann sagt ein Mann wie Pavel Mrkous, der wichtigste Location Manager der Stadt, der gerade Bond fertig gedreht hat: „Klar haben wir!“

Auch er ist an jenem Sonntag am Rudolfinum, die Szene für „Chroniken von Narnia“ ist immer noch nicht im Kasten, aber jetzt ist erst mal Pause. „Lunchbreak, haut’s euch rein, Jungs“, plärrt es aus Funkgeräten. Deshalb hat jetzt auch Mrkous ein paar Minuten Zeit. Bei der Arbeit trägt er eine schwarze Sonnenbrille, Dreitagebart und lauter Dinge um seine Hüften: ein Funkgerät, ein Handy und eine Bauchtasche. Er sagt: „Wir haben schwierige Szenen heute.“ Lucy, Edmund und Peter sind vor ihrem Kiosk von 100 Komparsen umgeben, die auf Rädern fahren, Kinderwagen schieben und in den Oldtimern sitzen.

Das alles zu koordinieren ist nicht einfach. Die Crew ist ein wenig im Verzug, Mrkous muss sich schnell darum kümmern, dass die Straße noch eine halbe Stunde länger abgesperrt bleibt. Dann führt er übers Set: „Hier, dieses Loch“, Mrkous zeigt auf eine Baulücke gegenüber der Philharmonie, „da setzen wir in der Postproduction noch ein Gebäude hin, und der Trafalgar Square ist dann da vorne, Richtung Karlsbrücke.“ Statt der berühmten Statue von Admiral Nelson steht aber um die Ecke der tschechische Komponist Antonín Dvorák. „Vor ein paar Jahren haben wir genau an dieser Stelle lauter Papierschnee gebraucht“, sagt Mrkous. „Da drehten wir mit Matt Damon und Franka Potente ,Die Bourne Identität’. Die Straße sollte Zürich sein.“

An manchen Plätzen in Prag vergeht kaum eine Woche ohne Dreharbeiten. Zum Beispiel in der Kozí Ulice, die Ziegenstraße. Eine Gasse, die auch im Pariser Montmartre oder Londoner East End sein könnte: Dunkles Kopfsteinpflaster, wohl aus dem 14. Jahrhundert, an einer Stelle wird die Gasse so eng, dass man die Mauern fast mit den Fingerspitzen berühren kann, wenn man die Arme ausbreitet. Ein Haus, nur ein Stockwerk hoch, mit winzigen Doppelfenstern, gegenüber führt eine Steintreppe den Gehsteig nach oben. Löwenzahn sprießt zwischen den Steinen, es riecht modrig. Drei gusseiserne Laternen stehen hier in Reih und Glied; und plötzlich, keine 20 Schritte in der Gasse, starren zwei Fratzengesichter aus dem Stuck eines Portals: Die Münder weit aufgerissen, die Augenbrauen wütend angeschwollen. Früher sollten sie Böses vertreiben, heute ziehen sie Filmleute an.

Gleich um die Ecke saß Iris Berben im Bistro „Chez Marcel“ für den ZDF-Fernsehfilm „Der russische Geliebte“ (2006). Da spielte sie Julia, die strenge Literaturdozentin, die sich an der Sorbonne in einen jungen Russen verliebt. Für die Geschichte wurde viel in Prag gedreht, nur eine Woche war die Crew an der Seine. Ein paar Interieur-Szenen entstanden am Námestí Republiky, am Platz der Republik, in der Nationalbank.

Merkwürdig geschichtslose Kreuzungen kommen bei all diesen Inszenierungen vor den Prager Kulissen heraus: In „Casino Royale“ folgt 007 einer Spur nach Miami und landet in der Körperwelten-Ausstellung von Gunther von Hagens. Die Außenaufnahmen der Leichenshow im sonnigen Süden der USA sind an einem Gebäude direkt an der Moldau entstanden. „Ein paar Palmen haben wir da aufgestellt und fertig“, sagt Mrkous. Die schweren Messingtüren, die sich im Film hinter Bond schließen, öffneten sich früher ausschließlich dem erlauchtesten Kreis der Parteigenossen: Das Haus mit den Moldau-Palmen war der Sitz des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei.

Prager sehen Kinofilme daher ganz anders als der Rest des Publikums, und vielleicht fallen nur ihnen solch geografische Absonderlichkeiten auf. Noch ein Beispiel aus Bond: Kurz bevor 007 herausfindet, dass ihn sein geliebtes Bondgirl für den marokkanischen Ex-Freund verraten hat, rennt er durch eine Hotellobby mit dunkelroten Säulen aus Marmor und breiten, geschwungenen Treppen: die Vorhalle des Prager Nationalmuseums. Normalerweise wirkt sie nicht so mondän, wochentags toben hier Schulklassen in Turnschuhen und mit Ranzen über die roten Läufer. Schnitt: Bond ist im Film jetzt draußen, läuft über den Markusplatz in Venedig. Draußen vorm Nationalmuseum liegt aber eigentlich der Wenzelplatz mit seinen Würstelbuden.

„Unser Business hat fast nur Vorteile für Prag“, sagt Mrkous. „Wir machen die Umwelt nicht kaputt, schaffen Arbeitsplätze, und die Werbung bekommt die Stadt frei Haus.“ Aber viele Prager finden auch, dass es reicht mit der ganzen Werbung. Prag soll nicht nur Kulisse sein, die Menschen wollen hier schließlich auch leben. Aber Wohnungen in der Altstadt kann sich nur noch die Elite leisten, acht Millionen Touristen trotten jährlich durch die Gassen, manche Orte sind schon ganz umgekrempelt. Im alten jüdischen Viertel, der Josephstadt, reihen sich Louis Vuitton, Cartier und Dior nebeneinander. Der kleine Gemüseladen mit den vergilbten Gardinen in der Vezenská Straße um die Ecke muss bald weg, dann kommt auch hier ein Bistro hin, das Milch aufschäumt.

Am Platz der Republik ist gerade eines der größten Einkaufszentren Europas im Bau. Shops, Büros und Fitnesscenter in Glas und Stahl sollen entstehen, früher standen hier eine Kaserne, benannt nach dem böhmischen König Georg aus Podiebrad, später Ställe für die Kavallerie. Jetzt fräsen und bohren hier auch am Sonntag die Bauarbeiter. Es riecht nach nassem Beton, der Untergrund wird für eine Tiefgarage ausgehöhlt. Hinter dem Baugerüst lugt schon ein bisschen Fassade vom Einkaufszentrum hervor, sie wird möglichst original aus den vergangenen Jahrhunderten nachgebaut. Vorne die Kaserne, dahinter der Konsumtempel – eine Kulisse für das echte Stadtleben.

Sobald das Gebäude fertig ist, wird es wohl auch eine Rolle in einem der vielen Filme bekommen. Vielleicht klappt es schon beim nächsten Megadeal. Der ist zwar noch geheim, denn die Londoner Studios wollen die Sache an sich reißen, aber einen Arbeitstitel hat das phänomenale Projekt schon: Bond 22.

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