Kultur : Drehwurm

Der Komponist Philipp Glass wird 70

Gregor Dotzauer

Sein Ruhm hat längst außermusikalische Dimensionen. Nicht nur, dass Philipp Glass schon einen Auftritt in der Cartoon-Serie „South Park“ hatte oder einem erschöpften Fan Anlass zur Gründung eines „Advanved Center for Treatment of Philipp Glass Addiction“ im Internet gab. Nein: Seine Arbeit ist sogar Gegenstand von Witzen, die er zu genießen scheint. Sagt ein Hörer: Weißt du eigentlich, dass es ein Stück von Glass gibt, das ich wirklich mag? Fragt der andere: Echt? Welches denn? Antwort: So genau weiß ich das auch nicht. Sie klingen ja alle gleich.

Ganz stimmt das natürlich nicht. Aber es trifft etwas vom beglückenden, betörenden, einlullenden, enervierenden, einen in den Wahnsinn treibenden Charakter seiner repetitionsbesessenen Musik. Egal, ob es sich um fröhliche Dreiminuten-Spulwürmer in kleiner Besetzung handelt, wie sie auf „North Star“ (1977) zu finden sind, oder um das lange Elend seiner symphonischen Riesenschlangen, denen zu beethovenscher Vollendung nur noch eine Nummer neun fehlt. Der Vorzug, einen auf Anhieb erkennbaren trademark sound zu besitzen, fällt da schnell zusammen mit dem Vorwurf, ein Opfer des eigenen Stils geworden zu sein. Dennoch schafft es Glass, der heute vor 70 Jahren in Baltimore, Maryland, geboren wurde, immer wieder, sich beim Auftürmen seiner Patterns so zu überlisten, dass eine irritierende Musik zwischen schillernder Statik und Entwicklungsspannung entsteht.

Die Ausdruckskraft von Steve Reich, Terry Riley oder Frederic Rzewski, Komponisten, die mit ihm in den vermeintlichen Eintopf der Minimal Music geworfen werden, hat er zwar nie erreicht. Dafür hat er sie alle an Einfluss übertroffen – auch weil er sich nie scheute, seine Musik in den verschiedensten Zusammenhängen auszuprobieren. Mit seiner ersten Oper „Einstein on the Beach“ (1976) in der Inszenierung von Robert Wilson hat er das Musiktheater revolutioniert. Er hat Material von David Bowie und Brian Eno für großes Orchester aufbereitet und als Filmkomponist sowohl Klassiker wie Cocteaus „La Belle et la Bête“ vertont wie mit Godfrey Reggios „Koyaanisqatsi“-Trilogie ein poetisch-essayistisches Genre wiederbelebt, das zuvor der Avantgarde vorbehalten war.

Wie viele Komponisten seiner Generation hat er sich lange in den verschiedensten Stilen versucht. Bevor er an der New Yorker Juilliard School studierte, hatte er sich der Zwölftönerei verschrieben, dann mit der Mikrotonalität von Harry Partch und den Klang- und Rhythmusstudien von Henry Cowell geflirtet. In Paris ging er zwei Jahre lang bei Nadia Boulanger in die Schule und lernte beim Transkribieren der Ragas von Ravi Shankar schließlich die Gesetze der indischen Musik kennen. Die Spuren dieser Vergangenheit sind kaum noch zu hören, die unorthodoxe Offenheit, die daraus entstand, noch in jedem Ton.

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