Kultur : Drei Akkorde und ein Hallelujah

Die Ramones sind unsterblich. Weil es Nilo und Alexx gibt. Ihre Band spielt die Songs der Punk-Pioniere nach

Kolja Reichert

Die beste Art, über Punk zu sprechen: Fresse halten, Gitarre umschnallen und reinhauen. Die Tätowierung auf Nilo Neuenhofens mächtigem Arm sagt schon genug. Zwischen verschlungenen Ornamenten blicken einen die Gesichter der vier Männer an, die vor dreißig Jahren begannen, die Rockmusik mit drei Akkorden und rotzigem Gebrüll aufzubrechen und so einer Jugendbewegung zum Ausdruck verhalfen: Joey, Johnny, Dee Dee und Tommy Ramone. „Es gibt keine Band, die so schöne Musik gemacht hat wie die Ramones“, sagt Nilo. Den Beweis wird der Gitarrist heute Abend antreten, wenn er mit seiner Coverband namens Commando das Festival „Punk Echo“ in der Brotfabrik eröffnet.

„Hey ho, let’s go, shoot them in the back now“, sang Joey Ramone in „Blitzkrieg Bop“, dem ersten Stück des Albums „Ramones“, das 1976 – die Floskel soll hier erlaubt sein – wie eine Bombe einschlug. Die Aufforderung, den Gegnern in den Rücken zu schießen – das war pure Brutalität, mit einer Direktheit, die jeder verstand, auch die, die so taten, als würden sie es nicht verstehen. Denn es handelte sich in erster Linie nicht um einen Aufruf zu physischer Gewalt. Die Sprache des Punk funktionierte über ironische Tiefschläge, die bis zum blanken Zynismus reichten. Es ging um Provokation, darum, Normen zu brechen und Autoritäten die eigene Verachtung zu zeigen.

Die Ramones wurden mit dieser Haltung selbst zur Autorität – für Generationen von Punkbands, die erkannten, dass man auch Musik spielen kann, ohne Musiker zu sein. Allein hierzulande knüppeln hunderte Coverbands noch heute die charmant-prägnanten Songs der New Yorker nach. Deren Gründungsmitglieder haben in den letzten Jahren kurz aufeinander das Zeitliche gesegnet. Doch Punk, sagt Alexander Schulz, ist nicht tot. „Da es die Ramones nicht mehr gibt, muss jemand anderes die Songs spielen“, erklärt der Berliner mit dem Spitznamen Alexx. Er hat vor vier Jahren Commando gegründet, benannt nach einem Ramones-Klassiker, und ganz der Mythenpflege verpflichtet. Was bringt vier Männer zwischen 34 und 42 dazu, die Songs von Punk-Ikonen nachzuspielen?

Wir sitzen vor dem „Feuermelder“, einer Kneipe im Viertel um den Boxhagener Platz. Drinnen kann man es sich in behaglich rotem Licht an Tischen mit Totenkopfbemalung gemütlich machen, wir hocken draußen auf Bierbänken unter einem Baugerüst. Hier kennt fast jeder Alexx, den Sänger, und Nilo, den Gitarristen. Nach Bandproben lässt sich das Quartett hier zum Bier nieder, aufgetreten sind Commando hier auch schon. Was für die Ramones der legendäre New Yorker Punkclub CBGB’s war, ist für die vier Berliner der Feuermelder.

„Die Ramones haben mein Musikverständnis geweckt“, erzählt Alexx. Als er 16 war, hat es bei ihm gefunkt. Der freundliche, ausgeruhte Mittdreißiger trägt ein grünes Muskelshirt mit dem Logo seiner Band. Sein Kurzhaar-Irokese unterstreicht die Ähnlichkeit zu Robert De Niro in „Taxidriver“. Alexx ist selbstständiger Grafiker und arbeitet, wie es sich für einen Punk-Kreativen gehört, unter anderem für Fanzines und Plattenlabels. Nilo druckst etwas, bevor er verrät, wie er zu den Ramones kam: „Das war die Lieblingsband meiner Exfreundin.“ Wie das bei Rockern so ist, hielt die Liebe zur Band länger als die zur Frau. Jetzt ist Nilo mit Rosenstolz-Sängerin Anna R. verheiratet. Für sie dreht er mit seiner Produktionsfirma Musikvideos. Auch Farin Urlaub zählt zu seinen Kunden, und die Berliner Punkband El*ke. „Ich habe den Luxus, gesellschaftlich so etabliert zu sein, dass ich es mir leisten kann, Punk zu sein.“

Na hoppla. Muss man denn heute erst zum Establishment gehören, bevor man es anklagen kann?

Zumindest steht die Zeichensprache des Punk nicht mehr im Widerspruch zum Mainstream. Auch Bankkaufmann-Azubis dürfen angerissene Jeans und Gesichts-Piercings tragen, und mit Führungskräften wie Josef Ackermann oder Prinz Ernst August von Hannover ist der „Ihr könnt mich mal“-Zynismus schon lange bei den Mächtigen angekommen. Hat Punk heute noch irgendeine Wirkung?

Darauf kommt es laut Alexx gar nicht an, sondern darauf, „sein eigenes Ding durchzuziehen“. „Die Ramones waren nicht politisch“, sagt er, „die waren einfach gelangweilt vom Krempel, der im Radio lief und wollten es besser machen“. Nilo bringt es auf die simple Formel: „Ich möchte einfach anders sein.“

Im Feuermelder sind alle irgendwie anders und sehr nett zueinander. Immer wieder klopfen Bekannte Alexx auf die Schulter und bieten an, noch ein Bier mitzubringen. Bis eine Stunde vor Mitternacht der Barkeeper kommt und bittet, in die Kneipe umzuziehen: „Wir bauen jetzt hier draußen ab, Nilo, sonst gibt’s Stress mit den Nachbarn.“ „Alles klar“, sagt Nilo.

Auch Punks beginnen irgendwann, die Sperrstunde zu respektieren. Die andere Hälfte von Commando passt besser ins Rebellen-Klischee: Bassist Fröhlich ist Dauerstudent der Kunstgeschichte und hält sich mit kleinen Jobs über Wasser. Traudel, der Schlagzeuger, ist arbeitslos. Und Nilo würde seine Unabhängigkeit nie verkaufen. Wer ihm eine halbe Million für einen Dreh anböte, würde abblitzen.

Was die Ramones angeht, kennt der Respekt allerdings keine Grenzen. Commando nehmen die Songs ernster als die Ramones selbst es taten und singen alle Background-Chöre mit, die auf den Alben zu hören sind. „Wir spielen so, wie die Ramones heute klingen würden“, sagt Alexx. Ist dieser Heiligenkult nicht ziemlich unpunk? Nilo gibt zurück: „Ich habe Lust drauf. Wer soll mir das verbieten?“

Das Festival „PunkEcho. Widerhall von Überall“ findet von heute bis Sonntag in der Brotfabrik am Caligariplatz in Weißensee statt. Commando spielen heute, 22 Uhr im Hof 23. Neben Vorträgen und Lesungen von Punk-Aktivisten wie Jan Off, Xao Seffcheque und Martin Büsser werden Punk-Filme wie „Hedwig and the Angry Inch“ und „Charley’s Girls“ gezeigt. Morgen treten Satellite City, Very Job Agency und The Shocks auf, 22 Uhr.

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