Kultur : Drei alterslosen Berliner Beispielen zeigen Möglichkeiten der gebauten Variabilität

Robert Kaltenbrunner

Nicht nur ausreichend groß, bezahlbar und kommod, auch flexibel soll das eigene Heim sein. Sich in stärkerem Maße an sich verändernde Lebenssituationen anzupassen, ist als wohnungsbaupolitisches Wunschziel seit langem erkannt. Die in ihrer Nutzung nicht vorbestimmten Räume von Gründerzeitwohnungen mit ihren mehrfachen Erschließungen bieten hier fraglos mehr als die Grundrisse des modernen Wohnungsbaus. Auch die Popularität, der sich Lofts bei einer meist freiberuflichen Klientel erfreuen, spricht Bände. Gleichwohl bewegt sich im Wohnungsbau fast nur im "gehobenen" Marktsegment etwas - und dann eher im Servicebereich mit Doorman- oder Boarding-House-Konzepten als bei der Realisierung flexibler Wohnformen.

Selten wird "flexibles Wohnen" als Aufgabe der Architektur begriffen und in ein rundum überzeugendes Gehäuse übersetzt. Am Schleswiger Ufer in Berlin-Tiergarten indes, unweit des Hansaviertels und des Geländes der Interbau von 1957, findet sich ein Beispiel - nach über zwanzig Jahren noch authentisch präsent. 1965 wurde ein internationaler Wettbewerb zur Konzeption eines industriell zu fertigenden Wohnhauses aus Stahl ausgeschrieben. Den ersten Preis errang der Göttinger Architekt Jochen Brandi. Seine Vision eines langgestreckten, puebloartigen Wohnwalls wurde ein Jahr später auf der Weltausstellung in Montreal einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert. Als erstes Demonstrativprojekt ausgeführt wurde 1973 ein fünfgeschossiges Terrassenhaus. Was sich hier unmittelbar an der Spree in Cityrandlage niedergelassen hat, ähnelt einem kubischen Ufo. Gleichsam über den Boden schwebend, tritt er als bloßer Solitär in Erscheinung, weitgehend ohne städtebauliche Einbindung.

Nun gut, es handelt es sich um einen Experimentalbau - und um ein Symbol. Die Sprache des Elementierten, Variablen, Sachlich-Stählernen versucht, den Glauben an Zukunft, den Sieg der Rationalität, Mindestwohlstand für alle und kulturelle Emanzipation durch die Technik werdenden Menschen zu vermitteln. Monotonie sollte mittels frei platzierbarer, leicht austauschbarer Fassadenelemente verhindert werden. Der Versuchsbau ist nicht eben visionär, aber gekonnt durchdacht und komponiert. Die Idee der "hängenden Gärten" ließ sich durch die Aufschüttung der Terrassen mit Kieseln und Gräsern so einfach wie eindrucksvoll verwirklichen. Während ein etwa zeitgleiches Bauvorhaben mit durchaus ähnlicher Haltung - die Rostlaube der FU - vehemente Kritik auf sich zog, fand der Versuchsbau Brandis ein durchweg positives Echo.

Umso mehr wundert man sich, dass er anscheinend dem Vergessen anheim gefallen ist. Das mag seiner Unaufgeregtheit geschuldet sein. Der Bau wirkt heute etwas indifferent: modern und doch ein bisschen antiquiert; leicht und filigran, dabei etwas einschüchternd durch die schwarze Beschichtung der Fassadenpaneele; akzentuiert durch gelbe und rote Elemente, abgehängte Stahlblechlamellen, Markisen sowie weiße Pergolastäbe, die den Baukastengedanken bildhaft machen.

An ein Regal, das zu füllen dem Nutzer zwar nicht ganz freigestellt, aber doch ermöglicht wird, erinnert ein ganz anderes Gebäude. Variable Struktur und frei disponible Wohnungsgrundrisse waren es, die beim vielbeachteten "Wohnregal" von Kjell Nylund, Christof Puttfarken und Peter Stürzebecher in Kreuzberg im Rahmen der IBA 1984-86 verwirklicht werden sollten. Das in der Fachwelt viel beachtete Projekt fügt sich fast nahtlos in seine Umgebung, indem es eine Baulücke in der Admiralstraße schließt. Zunächst errichtete man ein weitmaschiges Gerüst aus Stahlbetonfertigteilen mit Dach, Treppenhaus sowie Ver- und Entsorgungseinheiten. Der nackten Regale bemächtigten sich sodann die künftigen Mieter, um in Selbstbauweise, aber in Zusammenarbeit mit den Architekten, jeweils zweigeschossige, individuell geschnittene Wohnungen in Holzskelettbauweise einzupassen. Noch nach 13-jähriger Nutzung findet dieser Anspruch einen zurückhaltenden, doch überraschend vitalen Ausdruck.

Eine nicht weniger exemplarisch gemeinte Variation des Themas ist unlängst in Prenzlauer Berg fertiggestellt worden: das vollflächig verglaste "Estradenhaus" des Berliner Architekten Wolfram Popp in der Choriner Straße. Das bestimmende, namensgebende Element sind die Estraden, womit man im Französischen einen erhöhten Teil des Fußbodens bezeichnet. Jede Etage birgt eine 80 und eine 100 Quadratmeter große Wohnung, die komplett frei von Innenwänden sind. Auch Küchen und Sanitärzellen sind weitgehend offen an die Treppenhauswand gestellt. Das einzige raumbildende Element ist die sogenannte "Kiemenwand", eine Eigenkonstruktion aus zwölf Holzplatten, die sich, jede separat, sowohl schieben als auch drehen lassen, um Raumkompartimente zu bilden. Sicherlich braucht es ein gewisses Bewusstsein, sich auf das Leben im "Einraum" einzulassen. Offenbar verfügen die Mieter darüber. Der siebengeschossige Bau fällt zwar gestalterisch aus der Reihe, seine vollständige Offenheit, Transparenz und Variabilität aber sieht man ihm von außen kaum an. Balkone, deren Brüstung aus feinmaschigem Metallgewebe besteht, verlaufen über die ganze Hausbreite und betonen die horizontale Fassadengestaltung.

Bei keinem der drei Gebäude stand die äußere Erscheinung im Mittelpunkt, vielmehr Struktur und innere Wirkung. Die Ambitionen der Architekten zielten durchaus ins Grundsätzliche: Dass aus industriell standardisierten Einzelteilen nicht zwangsläufig jene normierten Bauwerke resultieren müssen, die allenorts beklagt werden, sondern eine vielfältig variable Raumbildung durch die Bewohner und Benutzer selbst zugelassen ist. Es ging um das permanente Angebot des flexiblen Ausbaus, um die Umstellung auf eine varibale Wohnweise und ihre sozialpsychologischen Auswirkungen.

Inwieweit freilich die Alltagswirklichkeit mit der Theorie Schritt halten konnte, ist eine offene Frage. Denn die Bewohner, einmal eingezogen und heimisch geworden, haben die Wände und Ausbauelemente letztlich nicht mehr verändert. Sie haben sich, am Schleswiger Ufer und in der Admiralstraße, mit der ersten Setzung auf eben solche Weise arrangiert und Alternativen kaum in Anspruch genommen, wie auch in der Choriner Straße eine großstädtische Lebensweise eher nur stilisiert wird. Wer weiß, ob nicht unsere Trägheit stärker als alle finanziellen Restriktionen und alles konzeptionelles Ungenügen ursächlich dafür sind, wie das Wohnungsangebot beschaffen ist und wie es tatsächlich genutzt wird.

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