Kultur : Drei aus der Anstalt

Grober Unfug und Neue Musik: Das Kreuzberger BKA feiert 25. Geburtstag. Ein Treffen mit Gründern und Künstlerinnen.

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Kleinkunst unterm Dach. Gründer Rainer Rubbert und die Sängerinnen Popette Betancor und Cora Frost im BKA-Foyer. Foto: Mike Wolff
Kleinkunst unterm Dach. Gründer Rainer Rubbert und die Sängerinnen Popette Betancor und Cora Frost im BKA-Foyer. Foto: Mike Wolff

Die Nick’sche nun wieder. Hat die doch glatt den Termin am Montagnachmittag verschlampt. Ganz toll, so anderthalb Stunden vor dem Interview. Im Büro des BKA am Mehringdamm hängen sie sich ans Telefon. Wäre doch gelacht, wenn sich für Madame Désirée in dieser Schnittstelle der Berliner Kleinkunstszene kein Ersatz auftreiben ließe. Und tatsächlich: Cora Frost kommt angerannt. Sie wohnt um die Ecke vom Mehringdamm. Genau wie Chanteusen-Kollegin Popette Betancor. Die beiden sind dem 250-Plätze-Theater unterm Dach seit rund 20 Jahren verbunden.

Nur Rainer Rubbert, der den Laden 1988 zusammen mit Jürgen Müller gegründet hat, hat fünf Jahre mehr nachzuweisen, nämlich 25 Jahre BKA. Ein Jubiläum, das die Bühne ab Sonntag mit dem Best-of-BKA-Künstler-Festival „Hut ab!“ feiert. Helge Schneider, Michael Mittermeier oder Rosenstolz, die hier einst künstlerisch laufen lernten, sind zwar nicht dabei, aber dafür Leute wie Georgette Dee, der Hausheilige Ades Zabel, Sebastian Krämer, Romy Haag, Pigor & Eichhorn, Sissi Perlinger, Josef Hader und natürlich Nick, Betancor und Cora Frost, die zu Ehren des BKA schon mal eine Kostprobe ihres neuen Programms „Zeit ist ein Arschloch“ aufführt.

Ein Spitzentitel, den Theaterleiter Rubbert so nicht unterschreiben kann. Hat sich doch nach der 2004 angemeldeten Insolvenz von BKA-Theater und seinem Pleiteableger, dem Zelt am Ostbahnhof, die Lage erfreulich stabilisiert. Sagen er und sein Geschäftsführer Uwe Berger jedenfalls. Und das würdigt auch der Regierende Bürgermeister, der Dienstagabend beim Geburtstagsempfang höchstselbst die Laudatio auf das Privattheater hält. Dass die Klassenlotterie zum Jubiläum eine Grundrenovierung und die heiß ersehnte Klimaanlage spendiert hat, hat auch mit ihm als Stiftungsrat zu tun.

Schade nur, dass der legendäre Bummelfahrstuhl in den fünften Stock immer noch nicht schneller fährt. Für die hintersinnige Popette ist jedoch gerade dieses Vertikalvehikel ein Garant für qualitative Publikumsauslese. „Hier kommen keine Bustouristen hin, sondern Freiwillige, die sich extra in den nervigen Aufzug quetschen.“ Das BKA sei eben keine Comedybude, sondern ein Kulturort ohne Unterhaltungsdiktat. „Hier wird man nicht in Schubladen gesteckt und dort vergessen.“ Kollegin Cora Frost preist den Anarcho-Charme der Bühne. „Unterhaltung, die keinem wehtut, gibt es hier nicht.“

Da ist was dran, wenn man sich beim Jubiläumsempfang so den Travestietrash von Bob Schneider und Ades Zabel als Jutta Hartmann und Edith Schröder anguckt. Nun hat man deren Neuköllner Unterschichten-Comedy schon so oft gesehen und zuckt doch immer wieder bei den Fußpilz-Zoten zusammen. Nach Einschätzung der ohne Derbheiten dieser Art auskommenden Kolleginnen Frost und Betancor ist das allerdings gar keine Comedy. „Ades ist Kunst“, finden sie. Okay, einigen wir uns auf: Kleinkunst.

Hochkultur hat übrigens auch einen Platz im BKA. Seit 24 Jahren schon. Rainer Rubbert hat zwar eine humoristische Vergangenheit als Mitglied der einst im Mehringhoftheater ansässigen West-Berliner Kabarett-Truppe CaDeWe, aber er ist auch studierter Musiker und Komponist. Und zwar einer mit einem Hang zur sperrigsten Sparte, der Neuen Musik. Immer dienstags läuft die von ihm etablierte Konzertreihe „Unerhörte Musik“. Es ist die einzige wöchentliche Reihe für zeitgenössische Musik in Deutschland und die einzige Veranstaltung, für die das BKA Subventionen vom Senat bezieht. Wie das eine Genre mit dem anderen zusammengeht? Gar nicht, grinst Rubbert, „Publikumsschnittmengen gibt es keine“. Aber ihn persönlich habe der Theatertrubel daran gehindert, im kompositorischen Elfenbeinturm zu ersticken.

Darauf, dass sie sonst keine Fördermittel bekommen, sind Rubbert und das Team aus neun festen Mitarbeitern stolz. Schließlich ist das Off-Theater mal aus dem unabhängigen, unangepassten linken Geist West-Berlins hervorgegangen. Zu einer Zeit, als von so was wie einer freien Szene noch nicht groß die Rede war – und von einer Kleinstkunstszene erst recht nicht. Weg vom formal braven Politkabarett, hin zum mit Tanz, Nonsense und Kostümen arbeitenden Musikkabarett war die Devise der in den ehemaligen Räumen der Jugenddisco „Dachluke“ gegründeten Berliner Kabarett Anstalt. Schrill und schwul durften Shows und Künstler im erklärtermaßen queeren BKA gerne sein. Doch hinter den Kulissen sollte es bei allem Bühnenchaos professionell zugehen. „Mit Garderobe und Künstlernasszelle“, sagt Rubbert, der als Kabarettist in den siebziger und achtziger Jahren noch Bierflaschen als Backstage-Toilette hingestellt bekam. Verständlich, dass so ein Trauma Sehnsucht nach soliden Verhältnissen und einer Prise Luxus weckt. Das BKA ist die einzige Kleinkunstbühne der Stadt, die – wie sonst nur schicke Restaurants oder Hotels – individuelle Gästehandtücher vorrätig hält. Davon, dass das über Jahre auch mit Zelten am Potsdamer Platz und Schlossplatz präsente Haus künstlerisch Maßstäbe setzte, ist der 56 Jahre alte Rubbert überzeugt. „Das Neue Chanson hat bei uns mit Tim Fischer, Georgette Dee, Cora Frost oder Pigor seinen Anfang genommen.“ Und sein Ende, wenn man sich die angeekelten Gesichter der Damen Frost und Betancor so anschaut, sobald sie das schlimme Schnarchwort hören. „Chanson geht gar nicht mehr“, sagt Frost, „wir machen jetzt alle Pop.“

Das passt zur Musikschiene, die das BKA zukünftig mit Foyerkonzerten stärken will. Franziska Kessler, die neulich zur Bar jeder Vernunft und zum Tipi gewechselte, langjährige künstlerische Leiterin hatte ja mehr auf österreichische Kabarettisten gesetzt. Und das passt zum Gag, den Rubbert Dienstagabend bei seiner Festrede bringt. Er werde häufig gefragt, ob die Bühne jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei, erzählt er und fügt an: „Nein, die Mitte der Gesellschaft ist im BKA angekommen.“

Schön und schade zugleich. Die Zeiten, als Zabel und Betancor noch zu den wilden Improshows „Dicke Eier“ und „Schnäppchenmarkt“ luden, waren nämlich auch nicht übel: inklusive Actionpainting, Ausdruckstanz und mit Penissen ausgeführtem Kartoffeldruck.

BKA, Mehringdamm 34, Kreuzberg, Jubiläumsfestival: 18. August bis 27. September, Programm: www.bka-theater.de

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