• Drei Ausstellungen untersuchen Grafik, Buchgestaltung und Design und ergänzen die "Jahrhundertausstellung" der Nationalgalerie

Kultur : Drei Ausstellungen untersuchen Grafik, Buchgestaltung und Design und ergänzen die "Jahrhundertausstellung" der Nationalgalerie

Bernhard Schulz

Die Künstler des 20. Jahrhunderts verließen die Kunst, um sich der Theorie, der Gesellschaft und dem Alltag zuzuwendenBernhard Schulz

Das 20 Jahrhundert hat die Künste entgrenzt, es hat ihr Ausgreifen in alle benachbarten Disziplinen, die Verwendung aller nur denkbaren Materialien und schließlich auch ihre Indienstnahme für alle möglichen Zwecke gesehen. Der "Hang zum Gesamtkunstwerk", dieses Erbe des späten 19. Jahrhunderts, hat in der Verschmelzung von ästhetischen und politischen Ideologien im 20. Jahrhundert eine ungeahnte Radikalisierung zur Folge gehabt. Der Übertritt der Kunst "ins Leben" taucht als programmatische Forderung immer wieder auf, weil der Kunst kein selbstverständlicher Platz in der Gesellschaft und ihrer Kultur mehr sicher scheint.

Das derzeitige Ausstellungstriptychon der Nationalgalerie, "Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland", berührt diese Fragen, aber es bleibt dabei im Medium der Kunst und des Kunstwerks. Nun treten drei weitere der Staatlichen Museen mit Begleitausstellungen auf den Plan. Das Kupferstichkabinett führt "Gesichter der Zeit" vor. Die benachbarte Kunstbibliothek widmet sich der ausufernden Text- und Buchproduktion der Künstler und führt diesen Aspekt unter dem Titel "Die Lesbarkeit der Kunst" vor. Das Kunstgewerbemuseum schließlich, gleich den anderen beiden Einrichtungen am Kulturforum beheimatet, doch räumlich nur ungenügend an den gemeinsamen Eingangsbereich angebunden, untersucht die angewandte Kunst unter der Frage "Form ohne Ornament?".

Aus diesen drei "Satellitenausstellungen" ergibt sich leider nicht die Komplementärveranstaltung, die die Ausstellungen der Nationalgalerie zum vollständigen Panorama rundet. Es sind Ergänzungen, ausgerichtet am spezifischen Auftrag eines jeden der veranstaltenden Häuser. Freilich gibt es eine Fülle subtiler Verweise. Künstler sind als Theoretiker tätig oder als Entwerfer, und in den grafischen Medien arbeiten sie ohnehin: So entsteht im Kopf des Betrachters ein Netzwerk von Zusammenhängen. Auffällig ist die besondere Rolle von Joseph Beuys. Die Nationalgalerie hatte ihn bereits zu einer Zentralfigur der Kunst unseres Jahrhunderts erhoben. Nun spielt er auch in den Ausstellungen von Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek eine herausragende Rolle. Beide "Papier"-Ausstellungen überraschen durch das Übergewicht, das sie den jüngsten Jahrzehnten und damit der (noch) gegenwärtigen Kunst einräumen. War nicht die erste Jahrhunderthälfte sowohl im Bereich der Grafik als auch dem der Theorieproduktion reicher und zumindest vielgestaltiger? Nein, die Ausstellungen behaupten keine Revision dieser Rangfolge, wohl aber suchen sie, wie schon die "Jahrhundertausstellung" selbst, die unverminderte Aktualität der Moderne zu herauszustellen.

Alexander Dückers hat dazu im Kupferstichkabinett eine Reihe überraschender Bildserien aufgeboten. Wer wollte in Imi Knoebels geometrischen Arbeiten prima vista die "Porträts" sehen, die der Werktitel behauptet? Immerhin geht es Dückers um die Physiognomien des Jahrhunderts, um das Typische im Antlitz der Zeitgenossen. Die kritische Grafik der späten zehner und der zwanziger Jahre hat diese Spiegelbildlichkeit des Individuums unvergleichlich herausgearbeitet, an den Randfiguren der Gesellschaft ebenso wie an ihren Protagonisten. Grosz, Dix, Beckmann stehen dafür. Die Vernichtung der Individualität in der NS-Diktatur wird mit Werner Heldts "Aufmarsch der Nullen" lakonisch abgehandelt. Die Nachkriegsabstraktion stufte das Porträt weit herab. Erst mit der Reproduktionsgrafik der Pop-Art kam es zu erneuter Prominenz. Warhols Beuys-Serie korrespondiert hier mit Gerhard Richters enigmatischem "Mao"-Bildnis. Boltanskis Fotografien, Rosemarie Trockels vergebliche Annäherungen an ein "Vaterbild" und Tobias Rehbergers ironische Vergegenständlichungen loten die Möglichkeiten der Gegenwartskunst aus.

Bernd Evers vermeidet in der Kunstbibliothek die Langeweile herkömmlicher Vitrinen. Bücher und Manifeste unter Glas, dahinter in direktem Bezug Plakate und andere grafische Arbeiten machen sinnfällig, wie sehr Wort, Schrift und Typografie zu gleichrangigen Tätigkeitsfeldern der Kunst geworden sind. Ob das Ende des Buches gekommen ist, muss nicht zuletzt die Kunst zu ihrem Thema machen. Zunächst war es das Video, das den Platz des Speicher- und Verbreitungsmediums vom gedruckten Papier zu übernehmen begann. Jetzt treten Computer und Internet hinzu: für eine Bibliothek, der die Erhaltung älterer Bücher zunehmend zum Problem wird, sind das nicht nur Objekte ihres Sammelauftrags, sondern zugleich Anstöße zur Selbstreflexion.

Die ist beim Kunstgewerbemuseum schon in der Frageform des Ausstellungstitels angerissen. Barbara Mundt leitet ein Haus, dessen Objektbereich sich im 20. Jahrhundert auflöst: das Kunstgewerbe. Nachdem Adolf Loos das Ornament 1908 als "Verbrechen" geschmäht hatte, vermochte es nur noch beim konservativen Bürgertum zu überleben. Die Künstler, die keine mehr sein wollten, sondern sich als Gesellschaftsreformer verstanden, suchten die reine Form der Zweckmäßigkeit. Aufschlussreich ist die Gegenüberstellung von ornamentfreien und ornamentierten Möbeln, die bis in die Gegenwart reicht: Immer gab es Verziertes und Verschnörkeltes, nie hatten sich Corbusier-Liege und Breuer-Stühle alleinherrschend durchgesetzt. Aber der ethisch-moralische Anspruch der Ornamentlosigkeit besteht unverändert fort. Das Paradox besteht darin - und in den Vitrinen des verschachtelten Museumsgebäudes lässt es sich eindrücklich verfolgen -, dass die vermeintliche Zeitlosigkeit der "reinen" Form in Wahrheit Zeitstil ist. Allerdings wird man zugestehen, dass die Entwürfe von Bauhaus und Ulmer "Hochschule für Gestaltung" ästhetisch unübertroffen geblieben sind und allenfalls die technischen Voraussetzungen zum Formwandel geführt haben.

Drei Ausstellungen, drei Ergänzungen zum Jahrhundertbild der Kunst - und allen drei gemeinsam, dass sie für sich betrachtet sein wollen, als Facetten einer Kunst, die sich im 20. Jahrhundert in jeder Hinsicht aus dem abgezirkelten Revier des "Künstlerischen" befreit hat, auch wenn sie im Zweifelsfall im Bücherschrank oder dem Wohnzimmer gelandet ist.Kunstforum, Matthäikirchplatz, bis 9. Januar 2000. Dienstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr. Sammelkarte für die drei Ausstellungen 8 (erm. 4) DM, einschließlich der drei Häuser der Nationalgalerie 20 (erm. 10) DM. - Kataloge im Nicolai Verlag: Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek je 49,80 DM (Buchhdl. 68 DM), Kunstgewerbemuseum 39,80 (Buchhdl. 49,80 DM).
© 1999

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