Kultur : Drei Autoren schildern ihre faszinierenden Erfahrungen mit der Liebe rund um die Welt

Peter Münder

Eigentlich müsste es allmählich erstaunen, dass über das Thema multikulturelle Partnerschaften so wenig veröffentlicht ist, wundert sich Georg Brunold in seinem Vorwort zum Band "Fernstenlieben". Wer das faszinierende Buch liest, wird schnell begreifen, warum das so ist. Denn die Liebe über Grenzen hinweg ist nicht nur ein weites Feld, für Autoren ist es auch schwierig, die Gratwanderung zwischen individuellem Erfahrungsbericht und soziologischem Exkurs zu meistern. Den drei Autoren, die hier über Liebeserfahrungen aus Afrika, Brasilien und Vietnam berichten, ist dieses Kunststück zwar gelungen. Doch die widersprüchlichen Eindrücke, die Spagatsprünge zwischen Reiseführer-Kommentaren, lyrischen Liebesschwüren, Darstellungen erotischer Verstrickungen, komplizierter Beziehungskisten und brutalen Fakten , hinterlassen trotz erhellender Einblicke in fremde Kulturen auch viele verwirrende Eindrücke.

Klaus Hart, der die exotischen Liebeserfahrungen seines alter ego Frank in Rio de Janeiro präsentiert, lässt uns hautnah die Lehr-und Wanderjahre eines auf erotische Abenteuer erpichten Deutschen erleben. Hart selbst arbeitete zwölf Jahre als Journalist in Rio. Wir können miterleben, wie der blauäugige Newcomer Frank, überwältigt von den direkten Avancen einer feurigen Schönheit, seinen ersten Schock erlebt, als er entdeckt, dass die glutäugige Leila "dasselbe zwischen den Beinen hatte wie er". Der romantische Schleier über einer erotisch aufgeheizten Atmosphäre und dem Gefühl, das Leben bestehe nur aus Samba, Sex und süßen Schnäpsen, wird bald zerrissen. Beim Sex mit einem Mädchen aus dem Slumviertel ist der Kugelhagel kämpfender Banditen unüberhörbar. Das "frappierend andere Körpergefühl", das Frank anfangs begeisterte, so erkennt er allmählich, lässt sich nicht so recht genießen, wenn man mit organisierter Kriminalität, brutaler Armut und extremen Klassenunterschieden konfrontiert wird.

Ähnliche Konflikte belasten auch die Beziehungen, über die Georg Brunold aus Afrika und R. Kyle Hörst aus Vietnam berichten. Die komplizierten afrikanischen Familienstrukturen, mit denen Brunolds Held Paul in Marokko konfrontiert wird, werden durch die Forderungen korrupter Bürokraten noch unerträglicher, so dass Multi-Kulti-Romanzen echte Härtetests zu bestehen haben. Dass Hörsts Episode "Die Brüste Gottes" den stärksten Eindruck hinterlässt, liegt daran, dass der Schauplatz Vietnam eine ausgesprochen malerische Kulisse für die Geschichte vom Deutschen Duc und der Vietnamesin Dung liefert. Hörst selbst war für die UNO in Vietnam tätig und sein Duc hat sich wohl am intensivsten auf den fremden Kulturkreis eingelassen. Er kennt sich sogar exzellent in vietnamesischer Lyrik aus. Sicher stellen Literaturkenntnisse kein Patentrezept für die Bewältigung transkontinentaler "Fernstenlieben" dar. Doch Literatur kann ja auch, wie wir seit dem "West-östlichen Diwan" wissen, als brückenschlagender, betörender Tranquilizer genossen werden.Georg Brunold, Klaus Hart, R.Kyle Hörst: Fernstenlieben. Ehen zwischen den Kontinenten. Eichborn Verlag, 312 S., 49,50 DM.

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