Drei : Ein langer heißer Sommer

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Der enorme Vorteil dieses Ladens ist: Es sieht ihn in dieser versteckten, eigentlich toten Ecke niemand, er liegt immer hinter irgendwas. Hinter der Volksbühne, am östlichen Ende der ewig langen Linienstraße, gegenüber dem Soho-House zwar, aber diesem auch die kalte Schulter zeigend. Die Rede ist von der Bar 3 in der Weydingerstraße mit ihrer tollen, ums Eck laufenden Fensterfront, ihrer von allen Seiten ansteuerbaren und zumeist mit Kölschgläsern vollgestellten Theke. Abseits der ja nicht weiten touristischen Trampelpfade gelegen, braucht hier keiner Angst vor plötzlich einfallenden Horden von jungen Spaniern oder US-Amerikanern haben. Eher muss man sich fürchten vor verfeinerten, kunstinteressierten Berlintouristen, die den „Guardian“ lesen. Dieser pries das 3 mal als Stammbar von Künstlern, Kritikern und Kuratoren.

Was nicht falsch ist. Im Vergleich zur, sagen wir, melancholischen Künstlerkneipe Luxus in der Prenzlauer Allee glauben die Künstler hier, es geschafft zu haben oder wenigstens auf dem Sprung zu sein. Und insbesondere an bestimmten Dienstagabenden gibt es im 3 geradezu eine Popkritikerballung. Die Atmosphäre wird dann bestimmt von einer Mischung aus Tatendrang und Ratlosigkeit, von der Überzeugung, dass Pop die beste und politischste aller Welten sein kann, und den Zweifeln, ob sich diskursive Popkritik nicht überlebt hat und es bloß noch gute oder schlechte neue Popmusik gibt.

Die allerbeste Popmusik allerdings, die muss es in den achtziger Jahren gegeben haben. Jedenfalls meint das der Bar-3-Betreiber, der meist hinten in seinem Eckchen sitzt und fast immer Steely Dan auflegt. Der vor allem aber immer das erste Album von Prefab Sprout laufen lässt, „Steve McQueen“, und, noch besser, erlesener, die vielen, das 3 gern besuchenden einstigen „Spex“-Schreiber noch mehr erfreuend, immer die Debüt-EP von Style Council mit dem unvergleichlichen Evergreen „Long Hot Summer“. Nein, es können nicht die schlechtesten Menschen sein, die sich im 3 wohlfühlen.

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