Kultur : Drei Engel gegen George

Mit einem neuen Album bekräftigen die Dixie Chicks ihre Bush-Kritik

Christian Schröder

Es beginnt mit dunklen, lange nachhallenden Akustikgitarrenakkorden. Nach einer halben Minute setzt der schunkelnde Rhythmus von Bass und E-Gitarre ein. Und die Stimme von Natalie Maines, eben noch brüchig, wird fester und lauter, Hörner blasen, Streicher schwellen, mitten hinein in das jubelnde Crescendo raunzt sie: „I’m not ready to make nice / I’m not ready to back down / I’m still mad as hell.“ Keine kuschlige Versöhnung, Klein-Beigeben gilt nicht: ein zorniger Triumphgesang. Mit ihrer neuen Single „Not Ready To Make Nice“ zelebrieren die Dixie Chicks die eigene Standfestigkeit.

Gemeint ist mit der trotzigen Abrechnung George W. Bush. Im März 2003, kurz bevor das amerikanische Ultimatum gegen Saddam Hussein ablief, hatte Natalie Maines bei einem Konzert der Dixie Chicks in London gesagt, sie schäme sich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas komme. Daraufhin nahmen amerikanische Radiosender die Musik der texanischen Band aus dem Programm, es kam zu Demonstrationen und Morddrohungen. Die Dixie Chicks galten plötzlich als Staatsfeinde.

Kommerziell hätte ihnen allerdings kaum etwas Besseres passieren können. Sie posierten halbnackt auf der Titelseite der Zeitschrift „Entertainment Weekly“, bepflastert mit Schlagworten wie „Traitors“ (Verräter), „Saddam’s Angels“ oder „Proud Americans“. Am Ende ihrer „Top of the World“-Tour kassierten sie 62 Millionen Dollar, mehr Geld, als je ein Country-Star in einem Jahr eingenommen hatte. Inzwischen gelten die Dixie Chicks als erfolgreichste Frauenband aller Zeiten. Ihr gerade erschienenes Album „Taking The Long Way“ (Sony/BMG) sprang sofort an die Spitze der US-Billboard Charts.

Während der Irak-Krieg in den USA immer unpopulärer wird, sind Statements der drei Country-Sirenen umso gefragter. „Ich bin eine Patriotin, weil ich nicht will, dass Menschen sterben, ohne dass uns handfeste Gründe für einen Krieg vorgelegt wurden“, verkündete Leadsängerin Maines in der Fernsehshow des CNN-Talkmasters Larry King. Derlei Einlassungen zum Tagesgeschehen fehlen auf „Taking The Long Way“, auf dem Album präsentieren sich die Dixie Chicks vielmehr in bekenntnishaften, persönlich gehaltenen Texten als gereifte, nachdenkliche Mittdreißiger.

„The Long Way Around“, eine Hymne mit Banjo- und Steel-Guitar-Begleitung, schildert die Bandgeschichte als Verweigerungs- und Befreiungssaga: „My friends from high school / Married their high school boyfriends / Moved into houses / But I could never follow.“ Statt in der Provinz zu versauern, macht sich die Ich-Erzählerin auf den Weg, besäuft sich mit Iren, kifft mit Hippies und hat noch lange keine Lust, sesshaft zu werden. „I fought with a stranger and I met myself.“ Das Leben als Reise zu dir selbst, das erinnert ungut an die Ratgeber-Psychologie von Frauenzeitschriften. „Silent House“ handelt von der Verlorenheit einer Alzheimer-Kranken, „It’s So Hard When It Doesn’t Come Easy“ vom Tabu-Thema Unfruchtbarkeit. Aber keine Angst, die Dixie Chicks sind mittlerweile alle Mütter, ihren Kindern widmen sie ein zärtliches „Lullaby“ mit der wie aufs Wiegendeckchen gestrickten Zeile „I hear your laugh like a serenade“. Die schönste Serenade: Babylachen.

Country ist auf „Taking The Long Way“ nur noch in Spurenelementen vorhanden. Produzent Rick Rubin, der Johnny Cash zu seinem finalen Comeback verhalf und zuletzt mit den Red Hot Chili Peppers arbeitete, gab die Losung aus: „Das hier sollte nach einer tollen Rockband klingen, die ein Countryalbum macht, und nicht wie eine Countryband, die ein Rockalbum macht.“ Zur Band, mit der die Dixie Chicks ihr siebtes Studioalbum aufnahmen, gehören der Chili-Peppers-Drummer Chad Smith sowie Keyboarder Benmont Tench und Gitarrist Mike Campbell von Tom Pettys Heartbreakers.

Es rockt und donnert mächtig auf dieser Platte, und immer wieder vereinigen sich die Stimmen der Dixie Chicks zu betörenden Satzgesängen. Gegründet 1989 in Dallas von den Schwestern Emily Robison und Martie Maguire, ist der Band immer wieder mangelnde Country-Orthodoxie vorgeworfen worden. Sängerin Robin Lynn Macy sprang 1992 ab, um Bluegrass zu spielen. Es mag ein langer Weg gewesen sein, aber mit „Taking The Long Way“ sind die Dixie Chicks endgültig angekommen: im Mainstream.

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