Kultur : Drei Farben Neon

Hollywood kann einpacken: das südkoreanische Pusan und sein boomendes Filmfestival

Jan Schulz-Ojala

Diese Stadt ist ein Film. Wenn die Autokolonnen auf zwei Etagen über die kilometerlange Gwangan-Brücke brausen und das mächtige Bauwerk vor der Wolkenkratzerkulisse nachts auch noch türkis angestrahlt wird, dann funktioniert das fast als Location von Luc Bessons „Fünftem Element“. Oder wenn in der Jagalchi-Fischhalle mit ihren riesigen Aquarien voller Hummer, Tintenfische und silbrig schimmernder High-End-Muränen sich ganze Sippen zum Soju-Schnapsbesäufnis niederlassen, dann könnte hier der unsterbliche Fellini den Set für „Satyricon II“ bauen. Oder wenn es Nacht wird im Strand-Stadtteil Haeundae und die scheußlichen Motels verschiedenster Höhe ihr rosa, lila und grünes Neon-Glitzerkleid überwerfen, dann verwandelt sich die Szenerie schnurstracks in das gute, alte Gotham City – auf Speed.

Ja, Pusan ist eins, zwei, drei, hundert Filme, und die Bewohner dieser südkoreanischen Hafenstadt, groß wie Berlin, sind kinobegeistert wie alle ihre Landsleute – sogar der Diktator Kim Jong Il oben im Norden, dessen Atomzündeleien die Südkoreaner eher cool sehen, gilt ja als Freizeit-Filmfreak. Dreimal pro Jahr gehen, statistisch gesehen, die 47 Millionen Südkoreaner ins Kino und haben damit das große, aber nur halb so kinosüchtige Deutschland auf der Weltkarte des Films mühelos abgehängt. Und sie gucken vor allem Einheimisches mit einer Leidenschaft, die auf dem amerikanisierten Globus ihresgleichen sucht. In den letzten zehn Jahren kletterte der Marktanteil koreanischer Filme auf sagenhafte 50 bis 60 Prozent. Für den September wurden sogar 83 Prozent errechnet: Hollywood dagegen siedelt, noch hinter Japan, mit rund fünf Prozent dicht an der Nachweisgrenze.

Kein Wunder, dass Korea mit dem Filmfestival von Pusan binnen zehn Jahren ein Ereignis hervorgebracht hat, das in Sachen asiatisches Kino längst als Pilgerstätte auch der großen Festivalmacher gilt. Sein Gründer und Direktor jedenfalls, der 69-jährige Kim Dong-ho, hat nichts gegen die populären Vergleiche „Cannes Asiens“ oder gar „asiatisches Film-Mekka“ einzuwenden. Tatsächlich versteht sich das Festival, das auf einen klassischen Wettbewerb und das Buhlen um Weltstars verzichtet, als Laufsteg für das asiatische und vor allem koreanische Kino. Nach Jahrzehnten der Diktatur wurde in den Neunzigern die Zensur gelockert, die Demokratie setzte sich durch, und auch der koreanische Film stand – vor dem Hintergrund einer Quote, die den Kinos an 146 Tagen im Jahr einheimische Filmware vorschrieb – vor einem beispiellosen Boom. Die nationalen Großkonzerne investierten massiv in die Filmproduktion, und eine neue Generation von Regisseuren, die sich mit Namen wie Park Chan-wook, Kim Ki-duk und Hong Sang-soo verbindet, machte aus neuer Freiheit, neuem Geld und der Neugier eines unersättlichen Publikums das Beste.

Diese Quote wurde zwar jüngst auf amerikanischen Druck halbiert – im Zuge eines Freihandelsabkommens, bei dem auch um den Export von Autos und Reis gefeilscht worden war. Natürlich nutzten die Filmleute, die sich um die Zukunft der kulturell so einzigartigen koreanischen Verhältnisse sorgen, das Festival auch als Forum des Protests – das Ereignis selber aber bewahrte, vielleicht zum letzten Mal, die Atmosphäre eines cineastischen Paradieses. Schon die Eröffnungszeremonie vor riesiger Freilichtleinwand im Yacht-Center – mit Feuerwerk und einem fortissimo aufspielenden, offenbar alle städtischen Profi-Musiker versammelnden Riesenorchester – setzte imposante Akzente. Und welch filmische Zaubergeister mögen erst am roten Teppich wirken, wenn das kreischende Hallo aus ein paar Hundert Mädchenkehlen selbst schüchterne Journalisten aus Übersee zu Starposen verleitet?

Im Ernst: Schon das Niveau der zwei Dutzend neuen koreanischen Filme – insgesamt wurden 245 Produktionen aus 63 Ländern gezeigt – lässt die Qualität sogar mancher Jahrgänge der A-Festivals Cannes, Berlin und Venedig hinter sich. Der Eröffnungsfilm, „Traces of Love“ vom Kim Dae-seung, mochte zwar ein wenig breit melodramatisch geraten sein, kam aber ohne das filmische Tschingderassabum aus, mit dem Festivalchefs sonst Honoratioren und Sponsoren zu beeindrucken pflegen. Und das Gespräch zweier verschütteter Frauen in einem wegen Baumängeln eingestürzten Seouler Kaufhaus – die eine wird sterben, die andere Jahre später den Witwer behutsam aus seiner Einsamkeit erlösen – erinnert nur von fern an jene Dialoge, die Nicolas Cage in „World Trade Center“ in den Turmtrümmern mit seinen Kopolizisten führt. Wo Regisseur Oliver Stone tonnenweise familiäre, nationale und religiöse Werte paradieren lässt, begegnen sich in „Traces of Love“ schlicht zwei Menschen an den Rändern des Lebens.

Koreanische Blockbuster funktionieren anders. „The Host“ und „King and the Clown“ heißen die Filme, die zuletzt je zwölf Millionen Zuschauer ins Kino zogen – der eine in die nahe Zukunft, der andere in eine faszinierend erfundene Vergangenheit. Bong Jun-hos „The Host“, ein durchaus antiamerikanischer Öko-Horror-Katastrophen-Monsterfilm, lässt eine Art mutierten Riesenkarpfen an den Ufern des Han-Flusses in Seoul sein gefräßiges Unwesen treiben. Entstanden ist die Kreatur, weil US-Chemiker vor Jahren massenweise verdorbene Giftflaschen verklappten. Und beseitigt wird sie nicht etwa durch die Regierung, die mit amerikanischer Hilfe sogleich ein verdächtig totalitäres Quarantänesystem einrichtet, sondern durch eine mutige und ziemlich dysfunktionale Familie.

Lee Yun-iks „King and the Clown“ dagegen ist ein packendes Historienspiel um Macht und Kunst – und um die beiderseitige Gefahr, wenn sie sich zu nahe kommen. Ein Kaiser der Chosun-Dynastie holt sich zwei Gaukler in den Palast und verfällt dem schönen Androgynen der beiden. Es ist auch der diskret angespielte homosexuelle Subtext, in Korea noch immer ein Tabu, der den Film zu einem so überwältigenden Erfolg machte. Ähnliches gilt für „Dasepo Naughty Girl“ von Lee Jyong – einen Film schrill wie ein gelungener Abistreich, der im Setting einer verrückten Schule unter anderem einem Einäugigen, reichlich verdorbenen Mädels und einer fetten Drag Queen zu Riesenauftritten verhilft.

Solche Werke mögen die alltägliche Reizüberflutung urbanen Lebens und auch des Festivals zielgerichtet kanalisieren. Die große Mehrheit der neuen koreanischen Filme aber setzt, verblüffend und fast europäisch, auf souveräne visuelle Disziplin und erzählerische Askese. Auf kleine Melodramen, auf Beziehungs- und, vor allem, Beziehungslosigkeitsgeschichten. Und rückt oft junge Frauen in den Mittelpunkt, Singles, Alleinerziehende, frisch Geschiedene, und verfolgt akribisch ihre tastenden Lebensbewegungen bis hin zum meist schmerzhaft offenen filmischen Ende.

In Hong Sang-soos kühler Kommunikationsstudie „Woman on the Beach“ pendelt ein Regisseur wie in einem Rohmer-Film zwischen zwei Zufallsgeliebten und verliert beide: Bei einem trinkfesten Gelage besiegeln sie seine Entbehrlichkeit und bleiben selber einsam wie zuvor. Oder: In Lee Yoon-kis berückendem „Ad Lib Night“ geht eine junge Frau das Abenteuer ein, sich vor einem Sterbenden als dessen lang verschwundene Tochter auszugeben, und der Film begleitet sie vom skurril-heiteren Beginn bis zum melancholischen Ende vom Nachmittag bis in die stille Morgendämmerung.

Und dann kommt, mitten in dieser filmisch schönsten Tristesse der Welt, der wir vielleicht schon bald auf großen Festivals wiederbegegnen, noch einmal Pusan ins Bild. Ein junger Diplomat hält sich – in „Before the Summer Passes Away“ von Sung Ji-hae – eine Tagesrandgeliebte, bestellt sie mal hierhin, mal dorthin, und einmal wartet sie lange, gefügig und doch still befremdet, in einer Hotelhalle am Strand von Haeundae. Später steht das Paar im dunklen Zimmer, zwei Silhouetten vorm Fenster, und fern funkelt das nächtliche Neonbunt. Das Leuchten da draußen: Könnte so was Ähnliches wie Wirklichkeit sein.

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