Kultur : Drei Farben Rot

Jan-Philipp Frühsorge

Madrid, Bremen, Berlin - so lesen sich Martin Assigs Ausstellungsstationen seit dem letzten Herbst. Hier, in der Stadt seines Studiums, ist der 43-jährige derzeit gleich mit zwei Ausstellungen vertreten - bei Volker Diehl und in der Guardini Galerie. Großformatige Enkaustiktafeln und eine Vielzahl von Arbeiten auf Papier an beiden Standorten ermöglichen Einsichten in die jüngste Produktion, deren Kernbereiche mit der traditionellen Technik der Wachsmalerei und einem größeren Konvolut an Zeichnungen treffend beschrieben ist.

Bei Volker Diehl sind es die unter dem geheimnisvoll klingenden Titel "Diamantsein" versammelten Holztafeln, die allein schon durch Technik und Format den Betrachter in ihren Bann ziehen. Eine dunkle Glut geht von ihnen aus, ihre wächserne Haut, in der die Farbpigmente wie eine niemals erkaltende Lava dauerhaft gebannt sind, spannt sich über die Bildfläche und gewinnt in ihrer matt-samtigen Reliefartigkeit durchaus haptische Qualitäten.

Darunter eingeschlossen liegt der Bildgegenstand - Hüllen, Kleider, körperhafte Gestalten. Vieldeutige, zum Fabulieren anregende Zeichen, die sich doch nie im rein Narrativen auflösen lassen. So wie der titelgebende Diamant seine strahlende Existenz der extremen Komprimierung des Rohmaterials Kohlenstoff verdankt, so sind Assigs Kompositionen Bilder der poetischen Verdichtung, deren rätselhafte Schönheit sich steigert, je weniger der Betrachter absolute Antworten und Wiedererkennung des Altbekannten einfordert, sondern ihre unübersetzbare Eigengesetzlichkeit akzeptiert.

Und dennoch: Die Bildwelten Assigs gründen durchaus in einer Wirklichkeit dieseits des Bildes, sind aufgeladen mit historischen, religiösen, kulturellen Spuren, die als Verbindungsglieder zu einer Welt des Nichtsichtbaren, des Geistigen fungieren. Auf der rot-leuchtenden Bildtafel "Magdalena"(2002) spannt sich der Bogen einer Frauengestalt und füllt das monumentale Querformat fast gänzlich aus. Runde Scheiben - auf anderen Bildern sind es Sterne - markieren die über ihren Körper und ihre Kleiderhülle verstreuten Energiezentren. Ganz im Geiste einer vormodernen, gleichsam alchemistischen Vorstellung einer Welt von Ähnlichkeitsbeziehungen, schließen sich hier Mikro-und Makrokosmos zusammen. Wirkt das Wuchern der Formen in den Gemälden noch durch die beruhigende Kraft der Farbe gebändigt, treibt Assig das Ornamentale in den Zeichnungen und Scherenschnitten zu wilden Blüten. Geometrisches und Organisches, Symmetrie und Biologie stehen unvermittelt nebeneinander und sind doch Ausdruck einer gemeinsamen Sprache, die der Grammatik der Bilder folgt.

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