Kultur : Drei Feen für Joseph B.

NICOLA KUHN

Ein Wasserschloß am Niederrhein beherbergt das größte Beuys-Museum der WeltVON NICOLA KUHNEine höhere, womöglich einträglichere Form des Tourismus ist der Kunsttourismus.Und da der Niederrhein zwar schön, aber bislang nur als Zwischenstopp auf den Kulturfahrplänen aufgeführt wurde, ist Nordrhein-Westfalens Regierung entschlossen, diesen dünn besiedelten Landstrich zum neuen Zielort zu erheben.Mit der Eröffnung des Museums Schloß Moyland ist nun wenige Wochen nach Übergabe des nahegelegenen Mataré-Museums im Kurhaus Kleve die Attraktion hinzugekommen.Also auf an den Niederrhein! Mit Kevelaer-Pilgern und Drittklässlern auf Schulausflug zuckelt die Bahn von Krefeld übers Land nach Bedburg-Hau, dem nächsten Bahnhof.Bis tief in den Horizont ziehen sich Felder, dazwischen Baumreihen, backsteinerne Gehöfte.Weite Sicht und Gemächlichkeit gehören hier zusammen; in der kleinen Station Bedburg-Hau werden die Weichen von Hand umgelegt, der einzige aussteigende Gast hat quer über die Schienen zu steigen.Dagegen Schloß Moyland: Der Parkplatz rappelvoll, klingelnd schwenken Radler in die Hauptallee ein, Busse entlassen ihre Fahrgäste ins Kunstvergnügen.So viel steht fest - nur zwei Wochen nach Eröffnung ist das für 65 Millionen Mark wiederhergerichtete Wasserschloß nahe der holländischen Grenze als Ausflugsziel angenommen.Ob die Rechnung des Kunsttourismus sich für die Kunst auszahlt, steht auf einem anderen Papier. Dabei klingt die Entstehungsgeschichte des Museums ebenso märchenhaft, wie das Schloß mit seinen Zinnen und Türmen im romantischen Tudor-Stil aussieht.Seine erste gute Fee war Adrian Baron von Steengracht.Er stellte die feudale Bleibe, indem er Schloß Moyland in die 1990 gegründete Stiftung einbrachte.Denn seiner Familie gehört das Anwesen seit 200 Jahren, mit dem sich Friedrich der Große für den finanziellen Einsatz der Steengrachts im Siebenjährigen Krieg erkenntlich zeigte.Da stand die Burg schon etliche hundert Jahre; die erste urkundliche Erwähnung geht auf das Jahr 1307 zurück.In der Barockzeit wurde sie ausgebaut, Mitte des 19.Jahrhunderts schließlich vom Kölner Dombaumeister Zwirner durch eine Ummantelung im neogotischen Stil zur idealen Kulisse für Rittersagen und Dornröschenlegenden umgestaltet.Doch in den letzten Kriegsmonaten wurde der Bau so stark beschädigt, daß seine Rettung zeitweise unmöglich schien.Die Ruine bot sich gerade noch als Drehort an: für den Sherlock-Holmes-Film "Der Hund von Baskerville". Die eigentlichen Paten und heutigen Patrone des Museums Schloß Moyland waren jedoch die Brüder Franz Joseph und Hans van der Grinten, die ihre 60 000 Werke umfassende Kollektion der Stiftung übereigneten.Ihren internationalen Ruf genießt die Sammlung durch das Zentralgestirn Joseph Beuys, der wie die beiden Brüder vom Niederrhein, aus Kleve stammt, wo sie die gleiche Schule besuchten.Entsprechend weit gehen auch die Anfänge dieser ungewöhnlichen Freundschaft und Sammelleidenschaft zurück.Ihr erstes Beuys-Werk stotterten die Brüder noch mit Raten vom Taschengeld ab, aber da waren sie auch schon in einem Krefelder Schreibwarenladen auf Grafiken von Käthe Kollwitz, Maurice Denis und Hans Thoma gestoßen, hatten die Grundlage zu ihrer Sammlung gelegt.Noch heute stellt neben Beuys die expressionistische Grafik den interessantesten Teil der Kollektion dar, die den Moyland-Besucher in ihrer ausufernden Breite zu erdrücken droht. Doch bevor all diese Schätze auf Schloß kommen konnten, bedurfte es noch einer dritten guten Fee: des Landes Nordrhein-Westfalen in Gestalt von Johannes Rau, die das Geld für den Wiederaufbau und die finanzielle Absicherung des Museums gab.Mit einer Beteiligung von 53,6 Millionen Mark an dem Projekt hat der Ministerpräsident, der in den 70er Jahren Beuys noch als Professor aus der Düsseldorfer Kunstakademie schmiß, seinen besten Willen am Gelingen des Projekts bewiesen.Daß es am Ende zwar zur Freude der Ausflügler, aber zur Enttäuschung der Kunstsuchenden hinreicht, liegt wie so häufig an der komplizierten Konstellation, an den großzügig Spendern und Sammlern.Denn die van der Grintens ließen es sich nicht nehmen, weiterhin Hüter ihres Schatzes zu bleiben und als Museumsdirektoren zu fungieren - mit fatalen Folgen. Das Schloß präsentiert sich heute von außen so schön, als wäre nie etwas passiert.Von Ruinenromantik keine Spur.Umgekehrt wird innen so gut wie nichts von der einstigen Burgatmosphäre spürbar.Zwar blieb die Aufteilung der Räume bestehen, aber sie zeigen sich poliert wie der weiße Marmorboden; nur Versatzstücke - hier ein Spitzbogen, dort ein Fensterjoch - rufen die Vergangenheit zurück.Zum Ort will das nicht passen (die Denkmalpflege zog sich deshalb aus der Innengestaltung zurück), ebenso wenig zur existentialistisch verstandenen Kunst eines Beuys und seiner Weggefährten schon gar nicht. Doch geht die Kunst hier ohnehin andere Wege.Die Museumsdirektoren ließen das Prinzip der "maximalen Massierung" walten und brachten es fertig, sämtliche Geschosse - vom Keller bis zum höchsten Aussichtsturm - mit Werken zu pflastern.Der staunende Museumsbesucher erlebt die quantitativ größtmögliche Ausnutzung eines Hauses; der zur Sammelwut gesteigerten Leidenschaft der Brüder van der Grinten folgt nun der Präsentationswahn.Die Qualität ist sekundär; sie wird begraben zwischen zweit- und drittklassigen Werken, die in der vom Fußboden bis zur Decke reichenden Hängung gleichrangig erscheinen.Ganz zu schweigen, daß die wandfüllende, jeden Zentimeter ausnutzende Präsentation über fast alle 58 Ausstellungsräume hinweg die Aufnahmekapazität des gewilltesten Besuchers überfordert. Hans van der Grinten will den Typus des "Flaniermuseums" begründet haben.En passant soll sich der Blick mal hier, mal dort festsetzen.Daß er des Überangebotes schnell überdrüssig werden könnte, wird ignoriert.Während am Anfang dieser unbefangene Umgang mit Meistern und Adepten noch wie ein frischer Wind wirkt und die Augen neugierig über die "Galerie der Zeichnungen 1830-1995" wandern, beginnt wenig später die Ermüdung.Selbst jene Kabinette, die Einzelkünstlern gewidmet sind wie Hermann Teuber, Rudolf Schoofs, Franz Eggenschwieler und André Thomkins, erlauben kaum Vertiefung, da nicht einmal die dürftigsten Daten wie Jahreszahl und Titel an die Hand gegeben werden.Fast klingt es wie Ironie daß sich die van der Grintens auf den Geist des Hauses, die Aufklärung beziehen wollen.Immerhin hatten Friedrich der Große und Voltaire auf diesem bevorzugten Niederrhein-Wohnsitz der Hohenzollern 1740 ihre erste Begegnung. Selbst Joseph Beuys, dem das gesamte erste Geschoß eingeräumt ist, wird mit der Methode der flächendeckenden Hängung fast exekutiert.Zumeist geordnet nach Technik (Wasserfarbe, Zeichnung, Ölgemälde, Plastische Bilder und Druckgrafik), manchmal auch Motiv (Braunkreuz offen, Braunkreuz geschlossen), bleibt das einzelne Bild auf der Strecke.Und dabei sollten gerade an diesem Ort die Liebhaber der frühen Beuys-Werke, der filigranen Tierzeichnungen und zarten Aquarelle weiblicher Akte, fündig werden, denn hier liegt der Schwerpunkt der weltweit wohl umfangreichsten Sammlung des Künstlers.Darüber hinaus vermachte Beuys den beiden Brüdern, die ihm 1957 in einer Phase psychischer Erschöpfung besonders beistanden und für drei Monate auf den elterlichen Hof holten, immer wieder tütenweise schriftliche Dokumente.Heute bildet dieses 100 000 Positionen umfassende Konvolut die Grundlage des unter dem Dach untergebrachten Joseph-Beuys-Archivs. Es ist müßig zu fragen, was der Meister zu dieser Präsentation gesagt hätte.Schließlich wußte er um die sich auf Medaillen, Postkarten, Kacheln und Keramik ausweitende Sammelleidenschaft.Zwei Jahre vor seinem Tod 1986 konnte er in die Gespräche über die Unterbringung der Sammlung noch einbezogen werden, heißt es ein wenig allgemein von Seiten der Stiftung.Elf Jahre später ist diese Vision Wirklichkeit geworden: die Kunstwelt hat ihr größtes Beuys-Meseum dort, wo der Künstler einst zuhause war.Eine Reise ist es allemal wert, denn am Ende winkt den Erschöpften der vollendet rekonstruierte Schloßgarten und der Landschaftszauber des Niederrheins. Schloß Moyland, Telefon 02824 / 0510-0, Katalog (DuMont Verlag) 59 DM, Museumführer (Prestel-Verlag) 19,80 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar