Kultur : Drei Herren am Grill

Wie das DJ-Trio Terranova die Eskapaden seines Chefs erträgt. Ein Erlebnisbericht

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Von Esther Kogelboom

DJ Fetisch ist ein kluger Mann, das mit dem Costumizing hat er jedenfalls begriffen. Costumizing ist, wenn man ein Kleidungsstück seinen individuellen Bedürfnissen anpasst. Gibt man ein Kleid zur Änderungsschneiderei, weil der Schnitt nicht mehr zeitgemäß wirkt, ist das auch Costumizing. Fetisch also ist an einem sonnigen Tag in seiner Wohnung und läuft zwischen zwei Zimmern, die durch eine Flügeltür miteinander verbunden sind, hin und her, während er mit einer Schere Risse in seinen Pullover schneidet, weil ihm warm ist. Er beginnt auf Brusthöhe, dann die Seite, schließlich kommen die Ärmel dran, und irgendwann sind mehr Löcher da als Stoff. DJ Fetisch schält sich aus den Fetzen wie aus einem Kokon. Nur noch die Bündchen schlingern um seine Handgelenke. Der Rest ist weg.

Shapemod und Kaos sitzen in der Ecke des Zimmers, dort, wo die Plattenspieler aufgebaut sind, und beobachten die Kurz-Performance. „Fetisch, jetzt komm‘ doch mal her“, sagt Shapemod mit milder Stimme. Fetisch sagt: „Ich hab‘ Hunger, lass uns was essen, den ganzen Tag diese Scheiße, kennt ihr die Currywurstbude an der Friedrichstraße, die verkaufen da auch Magnum-Flaschen Veuve Cliquot, da gehen wir jetzt hin, los.“ Dann klingelt sein Handy, und während er telefoniert und sich dabei fürchterlich aufregt, zieht er mit den anderen, die auch was essen wollen, los. Die Treppen runter, über die Fußgängerbrücke am Bahnhof Friedrichstraße und weiter zu dieser Currywurstbude, an der angeblich auch der Kanzler zu speisen pflegt und Magnum-Flaschen Veuve Cliquot verkauft werden.

Wenn Fetisch, Shapemod und Kaos über den Bürgersteig gehen, weichen die anderen Passanten automatisch aus. Das hat nicht etwa mit einem gewissen Popstar-Bonus zu tun, sondern schlicht mit Geschwindigkeit. Fetisch, der mit seinem Hut aussieht wie eine Disney-Comicfigur, telefoniert noch immer, läuft dabei zickzack und regt sich immer mehr auf: „Ich mach das nicht mehr mit...das ist Bullshit...ich hab‘ dir doch schon tausend Mal gesagt, dass...“ Selbst, als er an der Currywurstbude das Hausgericht bestellt, hört er nicht auf, ins Telefon zu fluchen. Shapemod und Kaos kauen stumm die Würstchen. Beim Kauen probieren sie, entschuldigend zu lächeln, das sieht ein bisschen merkwürdig aus.

Es ist schon klar, dass DJ Fetisch der Kopf des DJ-Kollektivs Terranova ist. Schwer vorstellbar dagegen ist, wie man mit ihm zusammenarbeiten und dann noch etwas so Gutes dabei entstehen lassen kann wie „Hitchhiking Nonstop With No Particular Destination“, das neueste Werk des Berliner DJ-Kollektivs, das perfekt ist, nur leider zu spät kommt für den Sommer. So angenehm kühl wie eine Gel-Plastikmaske hätte es an heißeren Tagen wirken können. Doch auch so kann kann man sich nicht so schnell satt hören daran. Man weiß sofort, dass dieses Album wichtig ist.

Wichtig ist offenbar auch das Telefonat: Fetisch hadert noch immer und wir drücken uns auf der Wiese vor dem Berliner Ensemble herum. Er schreit jetzt so laut, dass die älteren Herren sich von der Parkbank entrüstet erheben und gehen. Shapemod und Chaos gucken betreten ins Gras und beginnen damit, zu erzählen, wie es ist, in Clubs auf der ganzen Welt Platten aufzulegen und was für ein glamouröses Jet-Set-Leben das nach sich zieht. Sie geben zu, dass drei DJs gelegentlich auch ziemlich befremdlich wirken können. Denn es sind ja doch nur zwei Plattenspieler da. Meistens stehen zwei Musiker nur rum und machen Faxen, während einer die Technik bedient. Sie reden über die Filmmusik, die sie aufnehmen, zuletzt für „Jeans“ mit Nicolette Krebitz, und wie alles mit Rainer Kaufmanns „Long hello and short goodbye“ angefangen hatte – im Kino ein Flop, aber der Soundtrack war ganz okay.

Von Arbeit, meinen Shapemod und Kaos, kann beim Musikmachen keine Rede sein. Arbeit ist, was Fetisch da gerade macht: sich herumschlagen mit Plattenfirmen, Promotionterminen, Covergestaltung, Clips drehen. Um das alles zu dokumentieren, fotografieren sich Terranova ununterbrochen gegenseitig mit einer Digitalkamera und stürzen, nachdem einer auf den Auslöser gedrückt hat, sogleich zum Fotografen und begutachten das Ergebnis. Als könnten sie selbst nicht glauben, wie weit sie es gebracht haben. Je unschärfer das Bild, desto cooler finden sie sich.

Zurück in Fetischs Wohnung, wo noch die Pullover-Reste herumliegen. „Wie sieht es denn hier aus“, faucht er und schlägt eine leere Colaflasche vom Tisch. Dann springt er auf und geht in sein Heim-Studio. Es kommt selten vor, dass die drei Terranovas gemeinsam einen Track erfinden, selten sind sie an einem Ort. Oft sitzt jeder bei sich zuhause und baut an einzelnen Versatzstücke herum, die anschließend zusammenmontiert werden – die merkwürdige Technik dreier, die nur schwer miteinander, aber noch schwerer ohne einander Musik machen können. Nein, eine Band, oder gar ein Trio, sind die drei beileibe nicht, eher eine Art Talent-Pool. Der Beweis, dass zusammen wächst, was nicht zusammen gehört. Costumizing eben.

Es klingelt an der Tür. Eine Szenerie des Videoclips muss schnell noch einmal nachgedreht werden. Aber im Fernsehen läuft gerade „Verbotene Liebe“, ein schlechter Zeitpunkt. Der Kameramann fängt einfach an. Keine schlechte Szene.

Terranova: Hitchhiking Nonstop With No Particular Destination (Studio K7/Zomba)

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