Kultur : Drei Jahre weniger

Ein Alien in Hollywood: John Woo und „Paycheck“

Martin Schwickert

Streichhölzer, Büroklammer, Lupe, Feuerzeug, Haarspray, Kreuzworträtsel – verschiedene Alltagsgegenstände liegen zu einem großen Fragezeichen formiert auf dem Hotelbett. Ein Aktienpaket im Wert von 92 Millionen Dollar hat Michael Jennings (Ben Affleck) gegen einen Umschlag mit 19 scheinbar nutzlosen Dingen eingetauscht. Und er hat keine Ahnung, warum er es getan hat. Drei Jahre seines Lebens wurden auf der Hirnfestplatte gelöscht – im gegenseitigen Einverständnis zwischen dem Computer-Ingenieur und einer dubiosen Hightech-Firma, die ihre Forschungen geheim halten will.

So einfach ist das im Jahr 2007, in der Welt des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Dessen düstere Visionen – geschrieben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren – dienten schon als Vorlage für „Blade Runner“, „Total Recall“ und „Minority Report“. Sie erzählen gerne von einer Zukunft, die versucht, ihre eigene Zukunft vorherzusehen und von Menschen, die sich in der Zeitschleifenlogik verfangen. Ähnlich wie Tom Cruise in „Minority Report“ muss auch Ben Affleck gegen das vorherbestimmte Schicksal antreten. Sein Jennings wird zum unschuldig Gejagten und damit zum Seelenverwandten von Richard Kimble („Auf der Flucht“), Roger O. Thornhill („Der unsichtbare Dritte“) und all den anderen paranoiden Helden der Kalten-Kriegs-Ära.

Nun lässt John Woo im ScienceFiction-Thriller „Paycheck“ viel Retroappeal einfließen und durchtränkt die Story mit Hitchcock-Reminiszenzen. Wenn Affleck vor der U-Bahn davonläuft, imitiert die Szene die Kamerawinkel und den Schnittrhythmus von Cary Grants Flucht vor dem Tiefflieger in „Der unsichtbare Dritte“. In anderen Szenen grüßen „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“ aus dem Bildhintergrund.

Seit zehn Jahren arbeitet John Woo nun schon in Hollywood – doch gegen seine Hongkong-Filme wie „A Better Tomorrow“, „Killer“ und „Hard Boiled“ wirkt alles, was er in den USA dreht, wie ein müder Kompromiss. Woo ist in die Staaten gegangen, um sich vom Actionkino zu lösen. Aber Hollywood wollte immer nur eben dieses Eine von ihm – und fürchtete zugleich seine mörderisch-furiosen Gewaltopern, deren Stil US-Kollegen oft und vergeblich kopierten. „Paycheck“ ist eine Auftragsarbeit. Woo sprang für „Rush Hour“-Regisseur Brat Ratner ein und versuchte, die Geschichte zu seiner eigenen zu machen. Irgendwann flattern auch hier – als Signatur – ein paar Tauben durchs Bild, und die Rückblenden erstrahlen in schönstem Woo-Blau. Die ScienceFiction-Elemente wurden reduziert, die Action-Szenen gestrafft. Woo konzentriert sich auf die Spannungselemente und verteilt anhand der 19 Umschlaggegenstände seine Denksportaufgaben. Doch die Handlung kommt nie in Fluss. Woo ist ein Bildermacher. Als Geschichtenerzähler wirkt er im plotfixierten Hollywood verloren.

Da hilft es auch wenig, dem Ganzen zwecks Fermentierung eine Liebesgeschichte anzufügen. Uma Thurman, die Frau an der Seite des Helden, darf erst spät zeigen, was sie in „Kill Bill“ gelernt hat. John Woo ist nicht das, was man gemeinhin einen Frauenregisseur nennt, und so erinnert die Romanze eher an die kampferprobten Männerfreundschaften aus seinen Hongkong-Filmen. Über das schauspielerische Vermögen von Ben Affleck wird seit „Pearl Harbor“ gerne gewitzelt. Als ahnungsloser Held mit unverwüstlicher Cary-Grant-Tolle ist er hier zumindest gut besetzt. An dem Versuch hingegen, einen Mann zu spielen, der sich an seine Liebe zu Uma Thurman nicht erinnern kann, würde wohl nicht nur ein Affleck scheitern.

In 18 Berliner Kinozentren; Originalfassung im Cinestar Sony Center

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