• Drei junge Nachwuchsdiregenten konnten die hohe Kunst des Taktstockschwingens vom Maestro persönlich lernen

Kultur : Drei junge Nachwuchsdiregenten konnten die hohe Kunst des Taktstockschwingens vom Maestro persönlich lernen

Carsten Niemann

Die Älteren nennen ihn ehrerbietig "Maestro", die Jüngeren raunen anerkennend "Geil, voll der Klassiker!". Die Rede ist von Kurt Masur, 72 Jahre, langjähriger Leiter des Gewandhausorchesters Leipzig, wendebewegender Bürgerrechtler und als Nachfolger von Leonard Bernstein Leiter des New York Philharmonic Orchestra. Am vergangenen Wochenende war er in Berlin zu Gast, um beim Dirigentenforum des Deutschen Musikrates drei junge Nachwuchsdirigenten bei ihren Proben mit dem RIAS-Jugendorchester als Mentor zu begleiten.

Nervöse Erwartung herrscht am Sonntag im Studio 10 des Deutschlandradio Berlin, wo die letzte, öffentliche Probe des Workshops stattfindet. Organisatoren huschen zwischen Sitzreihen und Geigenkästen hin und her, letzte Anweisungen werden an die bereits auf dem Podium versammelten jungen Musiker des RIAS-Jugendorchesters gegeben. Am Vortag, so hört man, hatte es ein wenig gekriselt, denn auch ein hochqualifiziertes Jugendorchester hat ein so anspruchsvolles Programm nicht locker parat. Doch Masur erscheint entspannt, mit leicht präsidialem Gang und dem unentbehrlichen Bolo-Tie.

Drei Nachwuchstalente sind vom Musikrat auserwählt worden, um sich bei Maestro Masur weiteren dirigentischen Feinschliff zu holen: Pavel Baleff, Jahrgang 1970 und bereits Erster Kapellmeister am Volkstheater Rostock, Tabaré Perlas, zwei Jahre jünger und Student an der Weimarer Musikhochschule sowie die 1968 geborene Lisa Xanthopoulous; sie ist seit ihrem Studienabschluß an der Berliner Hochschule der Künste als freiberufliche Dirigentin tätig. Die Teilnahme ist Teil eines Schwerpunkts des Musikrates, der Senkrechtstarter in verschiedenen Förderstufen zünden lässt: Wer nach einem Probedirigieren in das Programm aufgenomen worden ist, kann Jahr für Jahr eine Reihe von Dirigierworkshops absolvieren, bis die höchste Förderstufe erreicht ist und gar der Preis des Dirigentenforums winkt.

Als erstes liegt das Scherzo aus Felix Mendelssohns Bühnenmusik zum "Sommernachtstraum" auf den Pulten: ein Angstgegner für jeden Dirigenten. Denn das Stück ist weithin bekannt und fordert von der ersten Sekunde an nicht nur flinke Bögen und lockere Lippen, sondern auch messerscharf klare Impulse vom Dirigentenpult. Fehlen die, dann merkt sogar der Laie, dass es wackelt. Etwas nervös, aber mit Verve stürzt sich Lisa Xanthopoulous als erste auf das Stück. Erst winkt sie ab, doch dann wird sie selbst unterbrochen. Kurt Masur flattert der "wunderschöne Taktstock" zu sehr. "Die Spitze muß es machen." Drei Anläufe wartet er ab, dann hält es den Meister nicht mehr auf dem Sitz: Ein paar Bewegungen mit den Fingerspitzen, kaum mehr als ein Koch, der Petersilie auf die fertige Suppe streut, und das Stück "flutscht" ganz ohne weitere Bewegungen.

Und die Schülerin lernt: Wenn man nicht dirigiere, störe man am wenigsten. Für die ehrgeizige Lisa Xanthopoulous ist die Begegnung mit Kurt Masur ein Markstein ihrer Karriere, wie sie in der Pause verrät. Wie ein Orchesterleiter nur mit körperlicher Ausstrahlung ein Orchester formt, kann man theoretisch nicht lernen. Man muss es sich in solchen Situationen abschauen.

In der zweiten Probenhälfte schlagen die Emotionen höher: drei Ansichten auf Tschaikowskys letzte und leidenschaftlichste Sinfonie, die Pathétique. Hier gelangt das Jugendorchester an seine Grenzen und muss sich Sätze anhören wie: "Spielt doch eure Sechzehntel, verdammt noch Mal!" Auch wenn Masur seine Leute beim dritten Durchgang des todessehnsüchtigen Schlusssatzes mitfühlend fragt: "Könnt ihr nochmal sterben?" Aber Mitgefühl verdienen auch seine Schüler. Als Dirigent begutachtet zu werden, bedeutet, dass man jederzeit wegen eines banalen dirigiertechnischen Fehlers aus der Begeisterung zurückgeholt werden kann: "Das sieht wirklich sehr gut aus, ich weiss, dass du das auch so empfindest, aber...", sagt Masur und nimmt seine Eleven bei den anschließenden Belehrungen so lange fest in den Arm, bis sie ganz sicher zurück in der Wirklichkeit angelangt sind.

Am Ende des Workshops sind drei sehr unterschiedliche Interpretationen entstanden: Leidenschaftlich und mit Ekstase bei Lisa Xanthopoulous, feinnervig und präzise bei Pavel Baleff, dunkel und einfühlsam mit Augenblicken atemloser Spanung bei Tabaré Perlas.

An Masur geht die Frage, was er jungen Dirigenten an einem solch kurzen Wochenende beibringen wolle. "Grundfehler erkennen, inspirieren, Ausdruck vermitteln". Dirigierschüler seien heutzutage sehr gut ausgebildet, doch sobald sie keinen Lehrer mehr hätten, gebe es auch niemanden mehr, der ihnen grundsätzliche Dinge sage. Wie erkennt man ein neues Talent? Masur rät, sich Zeit zu lassen - ob ein Dirigent Genie habe, das wisse man bei Dirigenten dieser Phase erst in zehn Jahren. Die Gefahr bestehe bei jungen Senkrechtstartern eher darin, dass sie früh unter Vertrag genommen würden, ohne ein ausreichend großes Repertoire zu beherrschen. Und das wünscht sich der nach alter Kapellmeistertradition als Generalist ausgebildete Masur nicht - da ist er eben doch "voll der Klassiker".

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