Kultur : Drei Tage im Leben der Akademie der Künste oder Eine lange Nacht in Berlin

Kerstin Decker

Es heißt einfach "Mitgliederversammlung". Genau wie bei der Postgewerkschaft. Nur dass man dort noch nicht die "Veranstaltungen zur Mitgliederversammlung" erfunden hat. Die Akademie der Künste schon. Dauer: drei Tage! Und Vorträge tragen so postuntypische Titel wie "Verteidigung der Leidenschaft". Aber gegen wen muss man die Leidenschaft verteidigen? Höchstens gegen die Briefträger. Hält der Pole Adam Zagajewski hier am Hanseatenweg also einen postfeindlichen Vortrag? Nein, Akademiker sind anders. Sie verteidigen grundsätzlich nur Dinge, die man nicht sehen kann, gegen andere Dinge, die man auch nicht sehen kann. Also nicht die Leidenschaft gegen die Post, sondern die Leidenschaft gegen die Ironie. Oder ein Mozart-Streichquartett in der Toskana gegen die Neureichen, die Unbegeisterten.

Adam Zagajewski hat einen Verdacht. Dass die Neureichen und die Ironischen am Ende dieselben sein könnten. Unbewohnt von Geistern, guten oder bösen. György Konrad, der Akademiepräsident in der ersten Reihe wippt meditativ mit dem Fuß. Eine Kultur, fährt Zagajewski fort, die das sacrum, das Heilige, verliert, verliert alles. Kolakowski hätte das gesagt. Und wer ist schuld? Nochmal die Ironie. Doch "falls wir ein erhabenes Leben anstreben" - Konrad beugt sich interessiert vor; Thomas Mann, der Erhabene, lächelt ironisch aus seiner neuen Ausstellung herüber -, dann, fordert Zagajewski, dürften wir keine Angst haben vorm Pathos. "Flamme! Gewalt! Urkraft!"

Am nächsten Tag steht György Konrad ganz allein auf der Akademie-Treppe, um das einzige zu tun, was in dieser Position möglich ist. Eine "Treppen-Rede" halten. Das dürfen nur Akademie-Präsidenten. Nachdenken über die Flügelhaltungen von Schmetterlingen, den Geschmack der Wiese, verblühte Sauerkirschbäume, überhaupt alle Dinge, die jemand bemerkt, wenn er mitten auf dem Land, das von Akademien und Mitgliederversammlungen nichts weiß, eine Treppenrede schreiben soll. - Ist der eigentliche Gegenbegriff zur Leidenschaft wirklich Ironie, oder ist er nicht vielmehr - "Mitgliederversammlung"?

Konrad denkt darüber jetzt nicht nach. Er hat keinen Führerschein, kein Handy, keine e-mail-Adresse. Bestimmt versteht er Zagajewski. Zagajewski hat sicher auch keine e-mail-Adresse. Aber Konrad, der freundliche Dissident, bringt das Urbane, sogar das e-mail-Adressenhafte, doch auf seine Seite. Denn was sei Urbanität? Die Souveränität des Fußgängers!, definiert er bündig. Ein nicht unironisches Wort. Das Publikum lächelt. Natürlich, Akademiker sind Fußgänger, schon seit Platon. Mit diesem Ungarn gelingt sicher auch der Umzug an den Pariser Platz. Und wer wäre überhaupt noch ein ordentliches Akademiemitglied, der nicht wie Konrad von der Treppe rufen könnte, keinen größeren Wert zu kennen als den persönlicher, unabhängiger Urteilsfähigkeit.

Draußen steht Rolf Hochhuth in blauem Hemd mit grünem Schlips in der untergehenden Sonne und sieht sehr unentschlossen aus. Nachher wird hier noch Tanz sein. Mit Rachelina und den "Maccheronies". Eine Frau mit grauen Dutt erklärt ihrer Freundin, dass sie diese Veranstaltung ganz anders begreifen müsse: "Du musst dir sagen, dies ist ein schöner Abend in einer schönen Umgebung!" - Die Freundin schaut noch immer sehr misstrauisch, wie das manchmal geschieht, wenn Menschen von ausgeprägter persönlich-unabhängiger Urteilsfähigkeit anderen Menschen mit denselben Eigenschaften begegnen. In Akademien ist dieses Risiko besonders hoch.

"Academie ist ein Wort, das eine Versammlung von Künstlern bedeutet, die an einem ihnen angewiesenen Ort, zu gewissen Zeiten zusammen kommen, um sich einander über ihre Kunst freundschaftlich zu besprechen ... und sich mit einander der Vollkommenheit zu nähern", schrieb ein Vorfahre über die akademische Gründungsidee. Da tritt ein Mann mit ungemein wenigen, dafür sehr langen Haaren, barfuß, in grünem Malerkittel, mit einem Strauß Klee in der Hand auf das Thomas-Mann-Porträt von 1905 zu. Er hat einen gelben Zettelblock, darauf steht "Kleine Passion". Sicher würde er Thomas Mann duzen. Konrad eröffnet die Fotoausstellung zu dessen 125. Geburtstag im Foyer. Er sagt, dass bei Thomas Mann noch der Schnurrbart Abstand gebiete. Der Mann ohne Schuhe mustert noch einmal kritisch das Porträt von 1905 und dreht sich eine neue Zigarette. Er hat längst begonnen, sich auf eigene Faust der Vollkommenheit zu nähern.

Im ersten Stock liest Walter Jens aus den Lebenserinnerungen von Daniil Granin, in denen ein Regisseur vorkommt, der bei Stalins Erkundigung anlässlich einer Filmvorführung: "Wer ist dieser Regisseur?" in Ohnmacht fiel. Jede Generation hat ihre eigenen Ängste, schlussfolgert Jens mit Granin oder Granin mit Jens unter erheblichem Beifall. Es folgt ein erkälteter Mississippi-Dampfer, unterbrochen von einer verstimmten Fabriksirene. Das bleibt dann so, bis der Dampfer bittet, während dieses Konzerts nicht zu sprechen. Erkältete Mississippi-Dampfer für Saxophon, Posaune und Live-Elektronik - ist das nun Pathos oder Ironie? Und Killerkatzen! "Kleiner Reiseführer ins Nichts" heißt der neue Roman von Ingomar von Kieseritzky, in dem die Killerkatze "white devil", eine Witwe und eine riesenhafte Erektion vorkommen, deren Eigentümer der Ich-Erzähler ist, der nun genau neben der Berichterstatterin Platz nimmt. Man könnte jetzt über den unverkennbaren Hang aller Erektionen zum Pathetischen reden und ob es auch ironische gibt. Insofern wäre die Ironie das eigentlich Kulturelle, das erst Hinzutretende, aber da kniet schon ein Kieseritzky-Leser mit Album vor dem Autor und bittet um mehrere, genau anzubringende Widmungen auf der Seite "Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 1999 für Kieseritzky!"

Wehmütig hatte Zagajewski Simone Weils Satz zitiert: "Wir haben die Poesie des Universums verloren." Am Sonntag abend aber kommt dann doch einer, der sie zurückbringen will. Jean Marie Gustave Le Clézio, der an die Überlegenheit des Ritus und der Magie über Kunst und Wissenschaft glaube. Der der Sprache ihre Magie wiedergeben möchte. Ein sehr ernster Mann. Mit ernsten, einfachen Sätzen, die auf Inseln gesprochen werden, hundert Jahre vor uns ("Ein Ort fernab der Welt").

Aber wie spricht man in Akademien? "Kann schon sein", überlegte Urs Widmer kurz vor Rachelina & den Maccheronies, "dass Dichter Dichter fressen. Herr Ober, die Karte! ... Da ist ein Teller" (rhetorisch-kulinarische Pause, die in latente Panik übergeht) "... Ich bin ja das Essen! Aber Sie dürfen mir nicht sagen, wer mich bestellt hat!"

0 Kommentare

Neuester Kommentar