Kultur : Dreieinigkeit

Heute vor 60 Jahren begann in Potsdam die Konferenz der Siegermächte

Hermann Rudolph

Der Name hatte in der Nachkriegszeit einen harten, forderenden Klang. An „Potsdam“, an der Konferenz von Potsdam, die heute vor sechzig Jahren begann, hing die Aura großer, einschneidender historischer Zäsuren: Jalta, die Vorgängerkonferenz im Februar 1945, die Europa teilte, ein bischen auch Versailles, der Friedensschluss von 1919, aus dem so viel neues Unheil erwuchs. Von den Vorbelastungen der deutschen Geschichte ganz zu schwiegen. Sie waren noch ganz auf das nazistisch-preußisch-militaristische Feindbild der Kriegszeit gestimmt. Im Blick auf die Konferenz begrüßte die „Neue Zürcher Zeitung“, dass sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs „jetzt in Potsdam als dem geschichtlichen Ursprung der Katastrophe treffen ... , um dem aus den Fugen geratenen Erdteil wieder eine Ordnung zu geben“.

Ein historisches Datum war die Konferenz allemal. Gut zwei Wochen befanden sich die „großen Drei“, die mächtigsten Männer der Welt, auf deutschem Boden, inmitten der Potsdamer Residenz- und Seenwelt, der amerikanische Präsident Harry Truman, der britische Kriegspremier Winston Churchill, der sowjetische Diktator Josef Stalin. Sie wohnten in Villen am Griebnitzsee und berieten in Cäcilienhof, dem eklektischen Tudor-Schlösschen des Kronprinzen im Neuen Garten; noch immer ist der runde Tisch zu besichtigen, an dem sie über das Schicksal Deutschlands und der Welt beratschlagten. Mit folgenreichen Ergebnissen: Von hier aus datiert die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen, die Amputation des Osten jenseits von Oder und Neiße, die Vertreibung, freilich unter dem Vorbehalt eines Friedensvertrags. Hier wurden auch die Grundsätze für die Nachkriegsverwaltung Deutschlands beschlossen: keine deutsche Regierung „auf weiteres“, dafür ein Kontrollrat der Sieger, gemeinsame Verwaltung wo möglich, sonst das Regiment der Besatzungszonen, Dezentralisierung von Politik und Wirtschaft, „endgültige Umgestaltung des deutschen politischen Lebens auf demokratischer Grundlage“.

Aber die Einigkeit der Sieger, demonstriert in den Repräsentations-Aufnahmen der großen Drei, die das Bild der Nachkriegsgeschichte mitprägen – zuletzt mit dem Briten Clement Attlee, der Churchill nachgefolgt war – bröckelte bereits. Die drei Mächte scheuten Präzisierungen, agierten mit Vorbehalten, bevorzugten Kompromisse auf Zeit und verschoben die endgültigen Entscheidungen auf einen späteren Zeitpunkt. Doch diese Zwischenlösungen gewannen, wie der Historiker Hans-Peter Schwarz schrieb, „ein von Monat zu Monat stärkeres Eigengewicht und trieben die Entwicklung in eine ganz andere Richtung als ursprünglich vorgesehen war“. Potsdam war ein ein Anfang nach der Katastrophe, aber er führte nicht weiter.

Das Ergebnis der Konferenz, das „Potsdamer Abkommen“, war zumindest zwiespältig, eher niederschmetternd. George F. Kennan, der scharfsichtige amerikanische Diplomat, konnte sich in seinen Memoiren „an kein politisches Dokument erinnern, das mich je so deprimiert hätte“; er empfand es als Ende von „wirren und verwirrenden Verhandlungen“. Die gemeinsame Verwaltung Deutschlands kam nicht zustande, weil die Franzosen, die mit der Konferenz auch offiziell zu den Siegermächten aufrückten, keine zentrale deutsche Verwaltung wollten. Auch die wirtschaftliche Einheit blieb auf der Strecke. So steht die Konferenz vor allem für das Umschlagen der Macht-Konstellation des Zweiten Weltkriegs in die bipolaren Strukturen der Nachkrigsära - mit dem deutschen Problem in der Mitte. Potsdam vollendete Jalta, die Spaltung Europas, in der deutschen Teilung.

Was blieb von alledem? Ein unsicherer Ortstermin am Beginn der Nachkriegszeit. Der grosse Einschnitt des Verlusts des Ostens und der Vertreibung, eben erst wieder ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Kein Wunder, dass sich die Bundesrepublik zumeist nur mit gemischten Gefühlen an die Konferenz erinnert hat. Nur die DDR pochte immer wieder auf das Abkommen und versuchte es gegen die Bundesrepublik in Stellung zu bringen. Nun, nach der großen europäischen Wende von 1989, ist dieses Potsdam kaum mehr als ein Datum im Geschichtsbuch - vorbei und verweht. Welttheater, Weltdramen im Villenquartier.

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