Kultur : Dreifaltige Kuppel

Gottfried Böhm entwirft Moschee-Neubau in Köln

Bernhard Schulz

Rund 2600 muslimische Gebetsstätten gibt es in Deutschland. Viele davon sind in Hinterhöfen untergebracht, in aufgelassenen Werkstätten, tuchverhängten Ladenlokalen. Sie heißen dem Namen nach Moschee, sind aber als solche nicht errichtet worden und schon gar nicht zu erkennen.

Doch nach zwei Generationen eines stets auf Heimkehr gerichteten Migrantendaseins richtet sich die bei weitem größte islamische Minderheit in Deutschland, die der Türken und türkischstämmigen Deutschen, auf Dauer ein. Dazu gehört als sichtbarstes Zeichen der Bau würdiger Gotteshäuser. Doch überall, wo Moscheen geplant werden, erhebt sich lokaler Widerstand. Berlin liefert mit dem Streit um ein türkisches Gemeindezentrums in Pankow ein unrühmliches Beispiel. Die Ausnahme ist es nicht.

Die Ausnahme war auch der Protest nicht, der sich in Köln-Ehrenfeld gegen den Bau einer Moschee für den türkisch-islamischen Dachverein „Ditib“ erhob. Der Kölner Stadtrat ging darüber zum Glück hinweg. Er setzte einen Architekturwettbewerb für das an weithin sichtbarer Stelle gelegene Grundstück durch. Der Jury gehörte unter anderem die Dombaumeisterin an, Inhaberin eines Amtes, das in Köln schwerlich an Renommee zu überbieten ist. Dieser Tage nun entschied Ditib, den Sieger des Wettbewerbs mit dem Bau zu beauftragen: keinen Geringeren als den 86-jährigen Kölner Gottfried Böhm mit Sohn Paul (47), die soeben mit dem Potsdamer Hans-Otto- Theater einen Geniestreich expressionistisch getönter Architektur geschaffen haben.

Auch der Kölner Entwurf hat solche expressiven Elemente. Die 30 Meter hohe Kuppel über der Mitte des Gebetsraumes ist nicht vollständig geschlossen, sondern besteht aus drei unregelmäßig geformten Segmenten. Die Zwischenräume sollen mit Glas gedeckt werden – ein Symbol für die Offenheit gegenüber dem Himmel als Ort des Transzendenten. Zwei 55 Meter hohe Minarette flankieren den trapezförmigen Gebetssaal für 1250 Gläubige.

Gottfried Böhm hat das Erbe seines Vaters Dominikus als einer der bedeutendsten Kirchenbaumeister Deutschland angetreten. Auch mit Kuppeln hat Böhm öfter experimentiert. Kuppelgewölbe wiederum zählen zum festen Repertoire des türkischen Moscheebaus, zumal nachdem mit der Eroberung von Konstantinopel 1453 die gewaltige Zentralkuppel der byzantinischen Hagia Sophia zum Vorbild wurde, an dem sich die osmanischen Baumeister seither maßen.

Das heimische Vorbild wirkt so stark, dass die vor zwei Jahren eingeweihte Berliner Sehitlik-Moschee am Columbiadamm ganz und gar dem traditionellen, seit dem 17. Jahrhundert verfestigten Schema folgt. Die Kuppel besitzt einen Fensterkranz im Ansatz, Halbkuppeln vermitteln zu den Wandflächen. Vieleckige, von einem umlaufenden Balkon gekrönte und spitz behelmte Minarette gehören ebenso dazu – und finden sich auch an anderen deutschen Moscheeneubauten, etwa in Mannheim (1995).

Zum Nachbarschaftsstreit um Moscheen gibt es eine historische Parallele. Der Synagogenbau im Zuge der „Emancipation“, der rechtlichen Gleichstellung der Juden im 19. Jahrhundert, stieß auf ähnliche Widerstände. Nach einer Phase orientalisierender Entwürfe, deren prachtvollstes Beispiel die Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße darstellt, passte sich der Synagogenbau der Neuromanik an, wie sie im christlichen Kirchenbau gern Verwendung fand. Mit der Kölner Moschee von Gottfried Böhm ergeht das Signal an die in Deutschland lebenden Muslime, sich in ihrer Architektur selbstbewusst und gleichrangig in dem hierzulande gebräuchlichen Idiom auszudrücken.

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