Kultur : "Dreigroschenroman": Hellmuth Karasek über Brechts kongeniale Ballade von 1934

Aus der Tagesspiegel-Kolumne "Vorgelesen"

Was die "Dreigroschenoper" von 1929 zum Welterfolg gemacht hatte: die schmissigen schrägen Songs und sarkastische, schmalzig-schmutzige Balladen, die genial plakative Musik Kurt Weills, die Texte Villons und Brechts, damit konnte der 1934 im Amsterdamer Exil veröffentlichte "Dreigroschenroman" natürlich nicht konkurrieren und so steht er - sehr zu Unrecht - tief im Schatten von Brechts größtem Welterfolg. Dabei ist der im Ton einer Ballade erzählte Roman durchaus ein Meisterwerk deutscher Prosa, wenn er von "Liebe und Heirat der Polly Peachum" erzählt und, im zweiten Buch, von der "Ermordung der kleingewerbetreibenden Mary Swayer, um als Titel des dritten Buchs die Dreigroschenoper-Sentenz zu zitieren: "Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!"

Frappierend ist, wie genau Brecht im Ton die Atmosphäre der kleinen Leute und großen Ganoven aus Englands Viktorianischer Zeit trifft, wie sein beißender Ton eine Welt erzeugt, die ihre sozialkritische Bosheit und Scharfsicht an den Zeichnungen Hogarths geschult zu haben scheint. Und wie er - viel konsequenter und treffender als die schmissig hingeschmissene "Dreigroschenoper" - die Geschichte von Liebe und Geschäft, von Liebe als Geschäft erzählt, als handelte es sich um einen Vorläufer von Puzis "Paten". Polly, die Tochter des Herrn Jonathan Jeremiah Peachum hat eine "sehr hübsche Haut", weshalb sie im Viertel "Pfirsich" genannt wird, Macheath, kein romantischer Räuber, sondern ein Geschäftsmann mit "Rettichkopf" hat wunderbar bissige innere Monologe, die ein reines Vergnügen sind. Hier kann man einen nicht bis zur Unkenntlichkeit bekannten Brecht lieben lernen.

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