Kultur : Dreißig Sekunden, ein Tag, eine Ewigkeit

Jan Schulz-Ojala

Zwei Geschwister im Bus auf dem Weg zur Schule, in Schuluniform. Ein paar andere Fahrgäste, und dann steigt der Entführer zu. Er lässt den Fahrer den Bus auf einen leeren Parkplatz steuern, verklebt die Fenster mit Zeitungspapier und erschießt jemanden. Ein anderer versucht zu fliehen, der Entführer erschießt den Davonrennenden. Die Scharfschützen der Polizei gehen in Position. Eine dritte Geisel schafft die Flucht. Nur die Kinder sitzen stumm auf ihrem Platz. Der Entführer nimmt den Fahrer als Schutzschild für draußen, setzt sich dessen Mütze auf, so stehen die beiden im Visier der Schützen. Und zurück in den Bus. Als die Polizei den Bus stürmt, schießt der Entführer um sich - und wird erschossen, bevor er die Kinder töten kann. Auch der Busfahrer überlebt.

Für diese Exposition benötigt der Film wenige Minuten. Gefühlte Zeit: 30 Sekunden. Oder auch ein Tag, eine Endlosigkeit. Alles geschieht seltsam undramatisch unter der Sommermorgensonne, kalt und logisch. Keine Tränen, kein Betteln, keine Schreie. Die Sonne scheint, sie scheint auch durch die verhängten Busfenster, aber wir sind in der dunkelstummsten aller möglichen Welten, in der es um Leben und Tod geht und sonst nichts. Irgendwann scheinen die Bilder aus sich selbst aufzutauchen, und der Busfahrer sagt leise: "Bin ich schuld, weil ich überlebt habe?"

Dieser Film erzählt von einem Trauma. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und heißt Wunde, und das Wörterbuch fügt hinzu: "starke seelische Erschütterung, die im Unterbewusstsein noch lange wirksam ist". Dieser Film, der letztes Jahr in Cannes den Kritikerpreis bekam, weiß nichts vom 11. September 2001, aber dieses Datum kommt einem sofort in den Sinn. Genauer: Die seltsam stillen Filmbilder erinnern an das Trauma für jeden, der via Fernsehen Zeuge der Flugzeugentführungen in Amerika wurde. Die fast unmittelbare Erfahrung sinnlosen anderweitigen Todes ließ plötzlich auch das individuelle Leben der Augenzeugen sinnlos erscheinen.

Sind wir schuld, weil wir überlebt haben? Nein, so fragen wir nicht. Wir sehen dem Bewältigungsversuch des Traumas zu, der ein Krieg ist. Zugleich sind wir mit der eigenen Verdrängungsarbeit beschäftigt. Sie kommt, wenn wir ehrlich sind, nur mühsam voran. Die Welt ist voll ähnlicher Traumata. Der Regisseur Aoyama Shinji, geboren 1964, erinnerte sich an den Giftgasanschlag der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn, als er anfing, das Drehbuch zu "Eureka" zu schreiben. "Eureka" kommt aus dem Griechischen und heißt "Ich habe es gefunden". Archimedes soll "Eureka!" gerufen haben, als er das spezifische Gewicht entdeckte. In dem gleichnamigen Film geht es um die spezifische Gewichtslosigkeit nach einer Katastrophe, um die schreckliche Schwebe, die der Traumatisierte zur Welt fühlt.

Der Busfahrer, er heißt Makoto (Koji Yakusho, das sanfte Gesicht aus "Shall we Dance?"), geht nach der Gewalttat weg für zwei Jahre und kehrt zurück. Seine Frau arbeitet wieder in einem Schönheitssalon in der Stadt, aus der sie einst herkam zu Makoto, und auch in der Familie seines Bruders ist er nicht mehr wirklich willkommen. Könnte er nicht der Frauenmörder sein, der seit einiger Zeit die Gegend unsicher macht? Makoto findet Arbeit, wäscht auf einer Baustelle Schaufeln in einer Schubkarre aus und steht eines Tages im Haus der beiden Geschwister, die damals im Bus waren: Naoki heißt der Junge und seine kleine Schwester Kozue (sehr leise, sehr genau gespielt von den Geschwistern Aoi und Masaru Miyazaki). "Darf ich bei euch wohnen?", fragt er nur. Er darf. Traumatisierte rücken zusammen, aber in der Restwelt sind sie allein. Das große Haus der Kinder ist verwahrlost; die Mutter war nach der Bus-Geiselnahme weggegangen für immer, der Vater hat sich im Auto totgefahren. Auch für diese Erinnerung - wie überhaupt für alles Dramatische - braucht der Film ungefähr 30 Sekunden. Zwischenblende, eine Aufregung von anderswoher, zwischen zwei Wimpernschlägen.

Wofür der Film sich Zeit nimmt, sehr viel Zeit, nie zuviel Zeit: die Annäherung Makotos an die Kinder, die Wiederinbetriebnahme des Hauses, die Rückkehr in eine Art Leben. Makoto scheint sie zu gelingen. Da ist die schöne, scheue Arbeitskollegin, mit der sich ein Verhältnis anbahnt - aber anderntags ist sie tot, ein weiteres Opfer des Frauenmörders, und der eigentümliche Makoto, der nicht viel Worte macht und sie zudem zuletzt gesehen hat, könnte durchaus der Täter sein. Doch der Schein trügt: "Eureka" ist kein Kriminalfilm, er entschlüsselt nur irgendwann auch sein kriminalistisches Element, wie er alles entschlüsselt, schlüssig und still. Und hilft Makoto eigentlich den Kindern, indem er ihren Saustall von Zuhause herrichtet und eine Art Ersatzvater wird in dieser seltsam anrührenden Patchwork-Familie? Oder ist es nicht eher umgekehrt? Wer rettet hier eigentlich wen, wenn es denn überhaupt eine Rettung gibt?

Bei Brecht gibt es einmal - es ist ein Liebesgedicht, aber das tut hier nichts zur Sache - die Stelle: "Der Regen kehrt nicht zurück nach oben. Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt, schmerzt die Narbe." Auch das kommt einem in den Sinn beim Sehen dieses Films: dass das Trauma eines Tages überwunden werden mag, aber nur um einen bestimmten Preis.

Als die Kinder gänzlich zu versteinern drohen, hat Makoto eine Idee. Er kauft einen alten Bus, richtet ihn zum Schlafen und Essen und Leben her und geht mit ihnen auf eine Reise. Inzwischen ist auch noch ein anstrengend lustiger Cousin der Kinderfamilie dazu gekommen, aber irgendwann unterwegs geht er wieder verloren. Die Reise beginnt, wo das Leben stehen geblieben ist: auf dem Parkplatz, wo der Entführer fast alle seiner Geiseln tötete und schließlich selbst ums Leben kam. "Guckt genau hin", sagt Makoto, "wir fangen von hier wieder an." Die Kinder gucken und schweigen. Wie sie überhaupt fast immer schweigen. Aber sie sind ja eingestiegen nach erstem Zögern, erst Kozue, dann ihr Bruder Naoki, zuletzt der komische Cousin, und haben sich diesem ersten wirklichen Bewältigungsversuch eines Traumas überlassen. Erste, vielleicht einzige Regel: Fliehen, also verdrängen, funktioniert nicht. Man kann das Trauma - wenn überhaupt - nur bannen, indem man in sein großes, leeres Auge sieht.

Ja, dieser Film ist lang. 220 Minuten. Er ist schwarzweiß, genau genommen sepia-weiß, denn Aoyama Shinji hat ihn auf Farbmaterial gedreht. Er ist in Cinemascope. Seine Bilder (Kamera: Masaki Tamra) sind von geradezu majestätischer Präzision und Diskretion zugleich, den faszinierenden Schnitt hat der Regisseur selbst besorgt. "Eureka" ist auch und immer ein Film über das Sehen. Man hat während des Sehens Zeit, über das Sehen nachzudenken. Manchmal lässt die Kamera den Blick schweifen, als wäre sie ein menschliches Auge. Manchmal fixiert sie etwas, als wäre sie ein menschliches Auge. Und immer sieht sie gerade so lange hin wie ein menschliches Auge, wenn es denn einmal zur Ruhe kommt.

Eine Lieblingseinstellung? Die Schlangenlinien, die jemand mit dem Fahrrad macht eines Tages auf leerer Straße. Lebenszeichen in Asphalt, Lebenslinien.

Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis dieser Film ins Kino hat kommen können. Kein Wunder: Mit so überlangen, so japanischen, so schwarzweißen, so stillen, so scheinbar schwierigen Filmen verdient man kein Geld. "Eureka" läuft ab heute, weil der kleine Pegasos-Verleih dennoch das wundersame, wunderbare Wagnis eingegangen ist, in einem einzigen Kino in Deutschland, in Berlin. So wenig Platz für diese so anderen Bilder, aber: Platz. Man wünschte, er liefe dort von nun an für immer.

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