Kultur : Dresdens Staatskapelle mit Sinopoli

Martin Wilkening

Der Kopfsatz aus Mahlers 4. Symphonie ist von einer seltsamen Ambivalenz. Den scheinbar verbindlichen und entsubjektivierten Tonfall prägt eine heitere Maskerade, ein naives Umherschweifen zwischen allerlei musikalischen Charakteren aus der Kinderstube. Daraus ergibt sich jedoch auch eine Brüchigkeit der musikalischen Form, die der Verbindlichkeit des Tonfalls völlig entgegengesetzt läuft. Der Zugang, den Giuseppe Sinopoli in seiner Interpretation mit der Dresdner Staatskapelle eröffnete, besaß gegenüber den möglichen Abwegen außerordentliche Überzeugungskraft. Zumal im Zusammenhang des ganzen Stückes, dessen Lied-Finale nicht, wie so oft, angehängt wirkte, sondern tatsächlich als musikalisches und geistiges Zentrum der Komposition. Das lag wohl vor allem daran, dass Sinopoli den ersten Satz vergleichsweise leicht und unterkühlt nahm, gerade noch am Rande des von Mahler vorgeschriebenen "nicht eilen". Die kleinen Pointen zwischendurch wurden in kluger Absicht nicht bis ins letzte ausgereizt, so dass die Musik, traumhaft vorbeischwebend, tatsächlich wie aus der Ferne sprach. Aus dieser ironischen Distanz wuchsen dann die vergleichsweise direkter sprechenden Folgesätze heraus. Im zweiten Satz ließ Sinopoli die Ziellosigkeit einer sich auflösenden Zeit aufregend ausspielen, kreisende Motive des Immergleichen, übereinander gelagerte Stimmen, die aus ganz verschiedenen Regionen wie zufällig zusammenzuklingen scheinen.

Im langsamen Satz dann, mit seinen weit ausgezogenen Bögen, schlug wirklich die Stunde der Staatskapelle, die auch schon vorher mit der Dichte und Kompaktheit ihres Klanges und der perfekten Balance der einzelnen Instrumentengruppen hatte aufhorchen lassen. Kaum zu sagen, ob die unglaublich subtil und präzise realisierten Klangfarbenwechsel mehr auf die Arbeit des Dirigenten zurückgehen oder auf die Musiker, deren Sinn für das Zusammenspiel in einem für Orchester ganz ungewöhnlichen Maße entwickelt ist. Vielleicht liegt es auch an dieser hoch entwickelten Selbstkontrolle, dass der Musik bei aller Kultiviertheit und Schönheit allerdings doch ein höchster Grad an Ausdruckskraft zu fehlen schien. Letzter Höhepunkt dann Juliane Banses feinsinnige Interpretation des Lied-Finales, mit in der Höhe nicht ganz freier, aber in großer Charakterisierungskunst geführter Stimme. Vier beigegebene Rückert-Lieder zeugten zwar vom Gestaltungswillen des Solisten Andreas Schmidt, wirkten aber letztlich mit der Mischung von ziemlich stereotypem Edel-Ton im Brust-Register und extrem abfallender Kopfstimme unausgeglichen und schlicht überfordernd.

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