Dresdner Kreuzchor in Berlin : Als würde Luther zum Leben erweckt

Der Dresdner Kreuzchor gastiert im Berliner Dom - mit einem furiosen Konzert.

Tomasz Kurianowicz
Der Dresdner Kreuzchor.
Der Dresdner Kreuzchor.Foto: Dresdner Kreuzchor

Der Dresdner Kreuzchor ist einer der ältesten Knabenchöre der Welt. Seit über 800 Jahren begleitet er die Gottesdienste in der Kreuzkirche am Altmarkt. Jetzt ist er in den Berliner Dom zu einem A-capella- Konzert gereist, das sich so festlich und spirituell anfühlt, dass man die Sommerhitze draußen geradezu als Störung empfindet. Die Sänger stehen vor dem Altar, während die letzten Sonnenstrahlen die herrlichen Kirchenfenster in dem monumentalen Bau durchqueren. Es ist ein würdevoller Eindruck, der von den Zeilen der ersten Motette bestärkt wird: „Seid fröhlich in Hoffnung“ von Gottfried August Homilius (1714–1785).

Die Knaben singen das Werk für zwei vierstimmige Chöre in wunderbarer Punktierung und klarster Diktion. Dirigent und Kreuzkantor Roderich Kreile führt durch den Abend mit einer überragenden Sicherheit und einem klaren Verständnis für die komplexe Mehrstimmigkeit der sakralen Chorwerke. Besonders die Motette „Richte mich, Gott“ von Felix Mendelssohn Bartholdy gelingt überragend: Das Wechselspiel zwischen Bass- und Oberstimme klingt sanft und kraftvoll zugleich und spiegelt das packende Zerwürfnis zwischen Zweifel und Gottesgewissheit: „Denn Du bist der Gott meiner Stärke, warum verstößest du mich?“

In den kurzen zwei Pausen spielt Andreas Sieling die Domorgel. Es ist ein fesselnder Moment, als der erste Satz aus der „Sonata“ von Philipp Rüfer (1844–1919) erklingt. Man möchte fast glauben, dass die vibrierenden Pfeifenorgeln den marmornen Luther am Kirchenrand wieder zum Leben erwecken. Ergreifend! Und dann das „Pater noster“ von Jacobus Gallus (1550–1591): Wenn sich die Knabenstimmen des Dresdner Kreuzchores zu einem großen Ganzen mischen, erscheint die Klangfarbe mehrdimensionaler und dichter als bei manch einem großen Orchesterapparat.

Am Ende ist es aber die Komposition „Unser Leben ist ein Schatten“ von Johann Bach (1604–1673), die den stärksten Eindruck hinterlässt: Zwei Knaben singen solo vom hinteren Teil des Kirchenflügels, der Rest des Chores steht vorne. Zu dem dialogischen Austausch passt der ergreifende Inhalt der Komposition, der selbst den härtesten Atheisten in eine Sinnkrise stürzen könnte: „Alles, alles, was wir sehen, das muss fallen und vergehen, wer Gott fürcht’, bleibt ewig stehen.“ Jetzt sitzt man da, in diesem Dom, und hält nach den letzten Takten den Atem an und ist vor Rührung wie gelähmt. Grandios.

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