Dresdner Musikfestspiele : Ferner Osten

Die Dresdner Musikfestspiele entdecken „Russlandia“. Das Russische Nationalorchester lässt allerdings nur wenig von der Lust spüren, das musikalische Erbe des eigenen Landes bewegend zu verkörpern.

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Warum fühlt sich Nieselregen vor der Semperoper zarter an als vor der Staatsoper Unter den Linden? Vielleicht, weil Dresden eine heitere Zufriedenheit ausstrahlt, weil es die Auferstehung seiner Kulturschätze genießt und die Aufmerksamkeit, die sie ihm in der Welt sichern. Weil Bürgerstolz aber schnell in Provinzialität umschlagen kann, sucht sich Dresden als weltoffene Kulturmetropole zu inszenieren. Wichtigstes Instrument dabei sind die Dresdner Musikfestspiele, deren Intendant Jan Vogler Herzen und Türen öffnet. Der Cellist war schon mit 20 Jahren Solist in der Sächsischen Staatskapelle, später ging er nach Amerika. Vogler ist erfolgreicher Musiker und lässiger Kommunikator zugleich, der seinem Auftrag, die Musikfestspiele in die internationale Topliga zu katapultieren, mit bodenständigem Charme begegnet. Das kommt an: Beim Festival-Start sind über 80 Prozent der gut 23 000 Tickets verkauft.

Zu Beginn seiner Intendanz entdeckte Vogler im vergangenen Jahr die „Neue Welt“, um sich nun „Russlandia“ zu widmen, dem Blick nach Osten. Dazu reist Valery Gergiev mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters an die Elbe, und das Moskauer Bolschoi-Theater präsentiert Tschaikowskys zauberhaften Operneinakter „Jolanthe“ in einer konzertanten Aufführung. Als „Orchestra in Residence“ hat sich Vogler das Russische Nationalorchester einladen, sicher auch eine Referenz an die Überwindung des Kalten Kriegs. 1990 von Mikhail Pletnev gegründet, war es das erste vom Staat unabhängige Ensemble seit 1917.

Unermüdlich ist das Russische Nationalorchester unterwegs, dorthin, wo Sponsoren und Festivals locken. Bei der Eröffnung der Dresdner Musikfestspiele in der Semperoper gewinnt man den Eindruck, dass das Leben im Kulturkapitalismus durchaus zu Herzinsuffizienz führt. Von der Lust und der Last, das musikalische Erbe des eigenen Landes bewegend zu verkörpern, ist nicht viel zu spüren. Stargeiger Vadim Repin stochert in Tschaikowskys Violinkonzert herum, Dirigentenhoffnung Mikhail Tatarnikov paddelt durch die Untiefen von Rachmaninows 2. Sinfonie. Die entstand in Dresden – und blickt sehnsüchtig auf einen fernen Horizont. „Russlandia“ will entdeckt sein (bis 6. Juni, Infos: www.musikfestspiele.com).

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