Dresdner Staatskapelle : Musikalisches Weltkulturerbe

Dresden bleibt trotz aller Misstöne um den Unesco-Welterbetitel kulturell Spitze - zumindest musikalisch. Die Sächsische Staatskapelle erhält den "Preis für die Bewahrung des musikalischen Weltkulturerbes".

Dresden/Brüssel - Wenn das Orchester am 26. April im Palais Beaux-Arts in Brüssel den erstmals von der Europäischen Kulturstiftung ehrenhalber verliehenen Preis bekommt, kann "Elbflorenz" den zuletzt ramponierten Ruf als Hort der Musen wieder etwas aufpolieren. Dass Musiker in Diensten des Landes als Retter erscheinen, ist mehr als eine Fußnote. Denn bislang scheiterte ein Kompromiss im Streit um den geplanten Brückenbau in Dresden und daraus folgender Gefährdung des Unesco-Status' für das Dresdner Elbtal auch an der starren Haltung einer Landesbehörde.

"Wir sind sehr glücklich und stolz, diesen einmaligen Preis entgegenzunehmen und auf diese Weise einen Weltkulturerbe-Titel für Dresden erhalten zu können", sagt Orchesterdirektor Jan Nast. Mit der Ehrung werde unterstrichen, welchen Stellenwert die Staatskapelle im Weltmaßstab verkörpere. Regierungschef Georg Milbradt (CDU) stimmt in den Lobgesang ein: "Die Staatskapelle ist ein herausragender kultureller Botschafter der Freistaates. Nicht nur ihre Tradition von 460 Jahren ist beeindruckend, sondern auch die Tatsache, dass sie in Vergangenheit und Gegenwart immer zu den Spitzenorchestern zählte." Darauf könne Sachsen stolz sein.

Am Tag der Preisverleihung wird Europa zum Augenzeugen der Harmonie. Denn die Staatskapelle reist auch nach Brüssel, um vor Ehrengästen das Galakonzert zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft zu gestalten. Mit dem britischen Dirigenten Sir Colin Davis und dem polnischen Geiger Nikolaj Znaider setzen die Sachsen auf europäische Begleitung. Selbst das Programm mit Werken von Wagner, Sibelius und Beethoven bleibt nicht auf deutsche Tonkunst beschränkt. Ein Blick in die Historie des Orchesters macht deutlich, dass es schon immer auf Inspiration von außen setzte.

International vom Anfang an

1548 wurde die damalige Hofkapelle durch Kurfürst Moritz von Sachsen gegründet. Nach dem ersten Kapellmeister Johann Walter - einem Freund Martin Luthers - kam sieben Jahre später der erste ausländische Dirigent ans Pult: der aus Lüttich stammende Mattheus Le Maistre, 1568 folgte der Italiener Antonio Scandello. Mit ihm "tourten" die Dresdner erstmals 1580 - zum Reichstag nach Regensburg. Wann immer die Staatskapelle auf Reisen geht, erinnern Konzertveranstalter an die lange Tradition. "Beethoven liebte dieses Orchester", lautet einer der Werbeslogans in den USA. Auch zuletzt gaben Dirigenten aus anderen Ländern den Ton an. Zu DDR-Zeiten lenkte der Schwede Herbert Blomstedt zehn Jahre die Geschicke des Orchesters. Mit Hans Vonk folgte bis zur Wende ein Niederländer. Der Italiener Giuseppe Sinopoli kam 1992 an die Elbe und plante langfristig. Sein Tod im Jahre 2001 verhinderte das. Der Holländer Bernard Haitink überbrückte für ein paar Jahre die führungslose Zeit, von August dieses Jahres an hat mit Fabio Luisi ein Landsmann Sinopolis als Generalmusikdirektor der Semperoper Verantwortung.

Solofagottist Joachim Hans hält die Ehrung für ein wichtiges Signal zur rechten Zeit. "Sie ist eine Anerkennung unserer Bemühungen, den speziellen Klang, die unverwechselbare Artikulation und Spielweise zu bewahren, zu entwickeln und folgenden Generationen weiterzugeben." Dies sei notwendig, um sich von "der Masse der immer ähnlicher klingenden Orchester deutlich abzuheben". Hans spricht von einer bewusste Entscheidung gegen die "allgemeine Klangglobalisierung". Dass die "Kapelle" einen besonderen Sound hat, war schon Richard Wagner klar: Er nannte sie liebevoll "Wunderharfe". (Von Jörg Schurig, dpa)

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