Kultur : Dresdner Weberwut

Ein

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von Peter von Becker

Mindestens zwei Blamierte gibt es nun nach den beiden ausverkauften, umjubelten Gastspielen des Dresdner Theaters im Berliner Ensemble. Blamiert hat sich zu allererst der Berliner Theaterverlag Felix Bloch Erben, der die nach allem Skandal und juristischen Hickhack seit Längerem freigegebenen „Dresdner Weber“ eigens für das Gastspiel am Wochenende in Berlin sperren ließ. Bekanntlich hatte das Theater in seine aktuelle Inszenierung von Gerhart Hauptmanns 110 Jahre altem Sozialdrama über die Ausbeutung der schlesischen Textilwerker einen Chor heutiger, authentischer Arbeitsloser und „Hartz IVOpfer“ eingefügt. Diese artikulieren als Volkswut auch die umstrittenen mörderischen Verwünschungsfantasien gegenüber Politikern und der TV-Moderatorin Sabine Christiansen.

Der Verlag Bloch Erben aber hat nun nicht Hauptmanns Erbe urheberrechtlich verteidigt. Sondern sich auf den in jedem Theatervertrag zunächst festgelegten Spielort berufen. Auf diese Weise im letzten Moment das Gastspiel einer sonst unbeanstandet gezeigten Aufführung zu untersagen, wirkt kleinlich, schikanös und am Rande des Rechtsmissbrauchs.

Einigermaßen blamiert ist, in diesem Fall, aber auch das Berliner Theatertreffen. Das Auswahlkriterium seiner Jury für eine zu nominierende Inszenierung lautet nach den Statuten nicht gut, genial oder kunstfertig. Sondern „bemerkenswert“. Und was war bemerkenswert in dieser Saison, wenn nicht dieser pathetische, komische, verzweifelte und im besten Sinne fragwürdige Versuch der Dresdner Theaterleute, heute noch einen großen sozialpolitischen Konflikt auf die Bühne zu bringen? BE-Intendant Claus Peymann zeigte mit seiner Einladung an die Dresdner jedenfalls eine instinktsichere und verdienstvolle Reaktion.

In Berlin haben sie nun statt des Hauptmann-Textes einige Hauptmann-Variationen, ein paar spielerische Kommentare zum Streit um die Aufführung und vor allem den viel diskutierten Arbeitslosenchor präsentiert. Und was die 33 fabelhaft skandierenden Frauen und Männer im wechselnden Marschformationen über die Rampe donnern und zwischen Fanatismus und Fatalismus vorblitzen lassen, das hat Klasse. Im theatralischen Klassenkampf.

Dabei spielen die entfesselten Laien die Profis glatt an die Wand. Während Dresdens Staatsschauspieler die Christiansen, den Unternehmer oder den reformruckenden Köhler nur als unscharfe Knallchargen geben, geht’s den anderen um die Existenz. Sie sind geschmacklos, kitschig, sozialromantisch, selbstironisch, gewalttätig. Doch der Furor der Opfer-Täter hat Form. Wie in einer der schmerzhaft dröhnenden Choreographien des verstorbenen Einar Schleef (bei dem Chorleiter Bernd Freytag gelernt hat). Der Beigeschmack des Populistischen bleibt. Aber es ist auch ein Spiel ums Leben. Wie selten im Theater heute. Dass dies sein darf, ist ein Muss.

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