Kultur : Drinnen vor der Tür

„Pablo.Der private Picasso“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Nicola Kuhn

„Pablo liebte Kitsch und Nippes.“ „Pablo konnte eine echte Klatschtante sein.“ „Pablo schleppte alles Mögliche nach Hause.“ Dieser Pablo rückt dem Passanten mit jedem Plakat ein weiteres Stück näher, ganz offensichtlich ein Mensch wie du und ich, mit kleinen Schwächen und Eigenartigkeiten. Man möchte es allzu gerne glauben, doch hinter diesem zunehmend verwandten Zeitgenossen verbirgt sich der Jahrhundertkünstler Picasso, den auch die geballte Anstrengung einer Hamburger Werbeagentur nicht in die Niederungen des Alltags zu holen vermag. Denn den größten Strich durch die Rechnung macht nicht der Mythos Picasso und der bis heute gepflegte Kult ums Genie, sondern die Ausstellung selbst, die hier massiv beworben wird: „Pablo. Der private Picasso“ in der Neuen Nationalgalerie verrät keine Geheimnisse aus einem legendären Künstlerhaushalt, gewährt keine Schlüssellochblicke ins Boudoir dieses großen Verführers.

Zum Glück! Davor bewahrt das komplexe Werk dieses Künstlers, das zur Annäherung wahrhaftig keiner Klatschgeschichten bedarf. Und die strenge kunsthistorische Linie der Kuratorin Angela Schneider. Die stellvertretende Direktorin der Neuen Nationalgalerie lässt die Bilder für sich sprechen, fügt sie nur durch die verschiedenen Atelieradressen zu Kapiteln zusammen. Der Verein der Freunde der Neuen Nationalgalerie, der die Ausstellung finanziell ermöglicht hat, erliegt hier wie schon bei der Goya-Schau in der Alten Nationalgalerie dem Rausch des Marketings. So mancher Besucher wird mangels voyeuristischer Erlebnisse enttäuscht die Mogelpackung im van der Rohe-Bau wieder verlassen, so manch anderer allerdings auch erleichtert.

Denn das Privateste, was der „private“ Picasso hier zu bieten hat, ist seine ganz persönliche Sammlung. Nach seinem Tod 1973 überließ die Familie diese Werke dem französischen Staat zwecks Umgehung der Erbschaftsteuer als „Dation“. Seit genau 20 Jahren werden sie im Hotel Salé, einem Pariser Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert, dem heutigen Musée Picasso, der Öffentlichkeit präsentiert. Die Kollektion besitzt ihre Reize, denn diese Bilder, Schlüsselwerke seines Schaffens und besondere Erinnerungsstücke, behielt Picasso bis zuletzt. Aber auch von diesem Odium ist in der Berliner Ausstellung nichts spürbar; Pinsel und Paletten blieben in Paris. Stattdessen spürt die Schau nüchtern den Entwicklungsstationen des Künstlers nach. Trotz der Vielzahl von Meisterwerken, insgesamt 90 Gemälde und Skulpturen sowie 80 Arbeiten auf Papier, kann das Konzept „Museum besucht Museum“ nicht wirklich befriedigen. Was im vergangenen Sommer mit „MoMA in Berlin“ ein Verkaufsschlager war, lässt sich nicht beliebig weiterspinnen. Auch nicht mit einem Superstar wie Picasso – mag am Ende auch die Zahl der Besucher stimmen.

Dabei hat die Ausstellung ihre großen Momente. Der Eingangssaal macht bekannt mit der blauen Periode, dem jungen Picasso (1901), dessen ernstes Konterfei auch vom Katalogtitel blickt, als wolle er nun endlich sein Geheimnis lüften. Die Melancholie wird nie ganz aus seinem Werk weichen, frönt er auch noch so sehr der Lust und der Liebe. Diesen Grundton bringt das Bildnis des toten Freundes Carlos Casagemas (1901) hinein, der sich aus Liebeskummer das Leben nahm. „Vergiss nicht, dass ich Spanier bin und dass ich die Traurigkeit liebe“, soll Picasso seiner letzten Lebensgefährtin anvertraut haben. In seinem Werk durchläuft alles einen Umformungsprozess, erfahren die Sehgewohnheiten, ja erlebt die gesamte Kultur des 19. Jahrhunderts eine radikale Aufkündigung. Picassos Kunst erscheint formal durch die stilistischen Brüche, aber auch inhaltlich von Trauer, von Abschieden durchzogen, die sich nirgends deutlicher formuliert als in den Frauenporträts und den Bildern der Kriegsjahre, insbesondere rund um „Guernica“.

Zwischen den Polen Liebe und Tod spannt sich das gesamte Oeuvre; das wenigstens vermittelt die „Privat“-Ausstellung. Diese Karte spielt auch die Inszenierung. Der letzte große Saal ist den beiden Geliebten Dora Maar und Marie-Thérèse Walter gewidmet. Auf der einen Seite die üppige Sinnlichkeit Walters, die sich in den schwellenden Formen, den ekstatisch-überzogenen Körperhaltungen offenbart, auf der anderen die qualvoll verzerrten Züge Dora Maars, seiner Lebensgefährtin während des Zweiten Weltkrieges. Nicht eigentlich die Frauen, sondern sein Verhältnis zu ihnen hat Picasso hier porträtiert. Auf diese Weise lässt sich auch sein berühmtes Bildnis einer Katze, die einen gerissenen Vogel im Maul trägt, als Selbstporträt lesen (1939).

Der Verführer, der Besieger des anderen Geschlechts blieb Picasso bis zuletzt. Als fast Neunzigjähriger malte er sich selbst als Gitarrespieler mit einem liegenden Akt (1970). Die Nachwelt musste sich an sein Spätwerk erst gewöhnen, das vor dem Hintergrund eines Immendorff (derzeit in der oberen Halle des Miesvan-der-Rohe-Baus zu sehen), aber auch der jüngsten Malerei-Renaissance wieder neu interessiert. Seine kleinen Geheimnisse, den auf Plakaten angekündigten Tratsch, seine Vorliebe für Nippes, mag er getrost noch für sich behalten.

Neue Nationalgalerie, bis 22.Januar; Katalog (Prestel Verlag) 20 Euro.

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