Kultur : Dröhnend Beethoven als Pantoffel-Held

Peter Sühring

Noch ein bedrohtes Orchester! Wenn sich das Rundfunk Sinfonieorchester allerdings als geschlachtetes Ost-Orchester sieht, wie alberne Sketches am Samstag im Schauspielhaus nahelegten, wäre das zu langweilig, um wahr zu sein. Schließlich steht etwas mehr auf dem Spiel als die Nalepastraßen-Episode. Nämlich die Tradition, innovativ zu sein, auch beim Interpretieren klassischer Werke. Wichtiger wäre es also gewesen, wenn nach dem Bekanntwerden skandalösester Gerüchte dieses Orchester in Programm und Spielweise seine Unverzichtbarkeit bewiesen hätte, statt Publikumsbedürfnisse zu bedienen.

Dazu aber ist sein derzeitiger Chef Frühbeck de Burgos nicht der richtige Mann. Der Stimme seines Herren folgend, spielte das RSB zwar schön, bot einen mustergültigen Beethoven in Pantoffel-Heroismus, aber wenn de Burgos fuchtelt und man hört die Celli trotzdem nicht, fehlt die Klangbalance. So war der Code Napoleon für Sinfonie-Orchester, formuliert in Beethovens Eroica, nicht gemeint! Wenn alle Streicher des Orchesters aufgeboten sind, um Frühbecks geliebtes Dauer-Legato zu produzieren - was bleibt dann für die Stellen, an denen Beethoven ein Legato wirklich wollte? Dabei machte die Solistin Elena Bashkirova am Klavier so schön vor, was eine klare, bewegliche, mal harte, mal gesangliche Artikulation ist: vier mal verschieden fragte sie vor der Schluss-Stretta des C-Moll-Konzerts mit einer bedeutsamen Floskel nach dem Sinn dieser Musik - doch das Orchester gab nicht Beethovens alles zernichtendes Urteil, sondern dröhnte nur.

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