Kultur : Drogenabhängigkeit: Sie können auch anders

Karsten Plog

Die Realität ist manchmal schwieriger als so manch ein schönes neues Konzept. Hamburgs noch frisch gekürter Mitte-Rechts-Senat bekommt das gerade heftig zu spüren. Seit Jahren war Hamburg bekannt für eine liberale Drogenpolitik, viel zu liberal, wie manche Kritiker sagten - und auch die Wähler. Auch deshalb verlor die SPD nach vielen Jahrzehnten das Amt des Bürgermeisters, und der neue starke Mann, Innenensenator Roland Schill, versprach, hart durchzugreifen. Aber die Brechmittel-Affäre zeigt: Ein Konzept ist das nicht.

Die neue Regierung ist nach dem Tod eines 19-jährigen afrikanischen Dealers, dem gewaltsam Brechmittel verabreicht worden und der nach einem Herzstillstand nicht wieder aus dem Koma erwacht war, in der Drogenpolitik unter Druck geraten. Während Justizsenator Roger Kusch (CDU) und Ronald Schill nach wie vor versichern, ohne Brechmittel sei das Drogenproblem nicht in den Griff zu bekommen, wächst die Kritik.

Verhängnisvolle Politshow

Die evangelische Bischöfin Maria Jepsen hat am Dienstag ein Moratorium für den Einsatz von Brechmitteln gefordert. Aus Respekt gegenüber dem Verstorbenen "sollten Brechmittel jetzt nicht weiter eingesetzt werden", sagte sie dem "Hamburger Abendblatt". Der Hamburger DGB-Vorsitzende Erhard Pumm meinte, die Einsätze seien nicht mehr verhältnismäßig. Zuvor hatte sich bereits die Hamburger Ärztekammer für den sofortigen Stopp gewaltsamer Brechmittel-Einsätze ausgesprochen. Heftige Kritik kommt auch aus den Organisationen und Vereinen, die mit der Drogentherapie und Hilfe befasst sind. Sie sprechen von einer verhängnisvollen Politshow, die den Betroffenen nichts nütze. Derweil tobt sich in einigen Gazetten das gesunde Volksempfinden aus und fordert den Senat zum Weitermachen auf: "Keine Gnade den Dealern! Sofortiges Ende des Asylurlaubes! Keine Strafermittlungen gegen Polizei und Ärzte." Seit dem Tod des Afrikaners hat es sechs weitere Brechmitteleinsätze gegeben.

Diese Auseinandersetzung überlagert Diskussionen um ein künftiges Drogenkonzept. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hatte angekündigt, die Opfer bekämen die volle Unterstützung. Den Dealern hat er einen harten Kampf angesagt. Doch gegenwärtig sieht es aus, als habe dieser Senat überhaupt kein Konzept. Darauf weist auch der jüngste Schill-Vorstoß hin. Der hat vorgeschlagen, Fixerräume aus der Stadt in den Hamburger Freihafen zu verlegen. Doch das Beispiel Zürich zeigt, dass sich durch eine Vertreibung in abgelegene Stadtbezirke am Problem nichts ändert. Im Gegenteil: In Zürich war die Verelendung noch massiv gewachsen.

Bewährte Methoden

Gegenwärtig wird vergessen, dass Hamburg lange Zeit bundesweit vorbildlich im Umgang mit der Drogenproblematik war. Hier wurde früh ein Methadonprogramm aufgelegt, verbunden mit Therapieangeboten. Und hier wurden Gesundheitsräume für Abhängige geschaffen, obwohl die Rechtslage unsicher war. Beides hat sich bewährt. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode wurde geplant, eine Anlaufstelle für Menschen zu schaffen, die in schwerer Weise von Heroin abhängig sind und ihnen dort den Stoff kontrolliert abzugeben.

Damit will sich Hamburg an dem bundesweiten Modellversuch beteiligen. Der Beust-Senat will das Projekt ebenfalls umsetzen, allerdings in kleinerem Rahmen als bisher geplant. Der vom rot-grünen Senat eingeleitete und vom neuen Mitte-Rechts-Senat verschärfte Kurs in der Drogenpolitik hat allerdings zu einer Polarisierung in der Stadt geführt, so dass nicht erkennbar ist, wie vernünftiger Konsens entstehen soll.

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