Druck on Demand : Bücher in fünf Minuten

Auf mehr als eine halbe Million vergriffene Titel hat die Maschine Zugriff und kann binnen weniger Minuten ganze Bücher drucken, leimen und binden. Die größte Erfindung seit Gutenberg, sagten die US-Entwickler von On Demand Books.

Verena Friederike Hasel

Der Techniker sitzt vor der Espresso Book Machine wie andere vor einem Terrarium. Im Glaskörper schlängeln sich rote, grüne, gelbe Drähte, er robbt vorbei an dem Warnschild „Nicht ohne Aufsichtsperson in Betrieb nehmen“, will die Drähte von allen Seiten sehen, und manche fotografiert er auch. Sind schließlich seltene Exemplare – in dieser Form gibt es sie nur dreimal auf der Welt, in Europa nun in einer Londoner Niederlassung der Blackwell-Buchhandelskette. Auf mehr als eine halbe Million vergriffene Titel hat die Maschine Zugriff und kann binnen fünf Minuten ganze Bücher drucken, leimen und binden. Die größte Erfindung seit Gutenberg, die Zukunft des Buchs, sagten die US-Entwickler von On Demand Books.

In der Londoner Charing Cross Road ging diese Zukunft erst mal kaputt. Im April war die Maschine geliefert worden; vier Amerikaner hatten Geleitschutz gewährt und Erklärungen gegeben. Doch schon in der ersten Woche gab das Gerät seinen Geist wieder auf. Zwar hatten die Amerikaner Ersatzteile hinterlassen wie das scharfe Messer, mit dem Bücher zurechtgeschnitten werden, nicht aber den kleinen Computerchip. Und so wartete man auf die Lieferung aus Amerika und tröstete Kunden mit dem Standardspruch: Problem bald behoben, alles ganz natürlich bei brandneuer Technik. Ein bisschen, sagte ein Mitarbeiter, fühle man sich jedoch wie beim Teilchenbeschleuniger von CERN.

Heute läuft die Buchmaschine wieder, ihr Geräuschpegel, irgendwo zwischen Fahrstuhl und Staubsauger, hat John Paterson herbeigelockt. Nun fragt der pensionierte Lehrer gleich nach, ob Matthew Branders Abhandlung über die Kurzgeschichte von 1907 erhältlich sei. Früher, sagt Paterson, habe er davon geträumt, selbst Kurzgeschichten zu schreiben, seitdem er in Rente ist, liest er zumindest über sie und Branders Text findet er immer wieder zitiert. Online kann er nicht nach ihm suchen, er hat kein Internet, in Antiquariaten hat er ihn nicht bekommen. Deshalb, sagt er, komme ihm die Buchmaschine gerade recht.

Tatsächlich ist das Buch zu haben, aber erst morgen, heute ist die Maschine noch in der Testphase, neben dem Zettel mit den Bestellungen liegt der Schraubenzieher. Das Leimen und Zuschneiden der Bücher funktioniert, beim Druck gibt es Probleme, manchmal spuckt die Maschine zwei Blätter auf einmal aus, dann wieder hört sie ganz auf. „Wir haben hier eine Vielzahl von Stauformen“, sagt der Techniker, als handele es sich um ein Naturschauspiel. Ein Blackwell-Mitarbeiter erwägt, Wasser auf der Maschine zu erhitzen, denn der Kleber wird immerhin 185 Grad heiß. Da spuckt die Maschine wieder los, und der Mechaniker schafft es gerade noch, seine Hand herauszuziehen. „Ich bin ja schneller“, ruft er ein wenig verblüfft. Verena Friederike Hasel

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