Kultur : Druckgrafiken: Halt an die Zeit!

Katrin Bettina Müller

Mit jeder Ausstellung des Brücke-Museums wird der Blick auf den deutschen Expressionismus noch ein wenig feiner gefasst. Diesmal rückt die Druckgrafik von Karl Schmidt-Rottluff, Initiator des Museums in Dahlem, in den Mittelpunkt. Obwohl er innerhalb der Künstlergruppe als Einzelgänger galt, hat er mit der Schenkung seiner Werke an Berlin 1964 entscheidend zu der anhaltend populären Sammlung beigetragen.

Das Museum verfügt weltweit über den umfangreichsten Bestand an Druckgrafik von Schmidt-Rottluff. Selbst einige kleine, noch dem Jugendstil nahestehenden Holzschnitte (von 1905) des 20-jährigen Autodidakten, die der Künstler selbst nicht in sein Werkverzeichnis aufnehmen wollte, sind als Schenkung des Künstlerkollegen Erich Heckel ins Haus gekommen. Fünf Jahre später war das Karge und Spröde seiner Ausdrucksweise gereift. In dem Farbholzschnitt "Modell" (1911) ist der Körper des liegenden Modells eine fast leere Fläche, definiert nur durch eine Kontur. Sie markiert die Grenze zwischen zwei Temperaturen und Stofflichkeiten. Weiter als bis an diese Grenze ließen sich Körper und Ding nicht aushöhlen, ohne die Gegenständlichkeit als verbindliche Lesart aufzugeben.

Die Bilder selbst werden zum Zufluchtsort bei Karl Schmidt-Rottluff. Er hat mehr noch als die anderen Maler der Brücke Rückzugsorte gesucht, an denen nichts den Kontakt zu den einfachen Dingen störte, die den Raum zwischen ihm und der Welt frei ließen von komplexen Beziehungen. Die Ursprünglichkeit, die von den Künstlern der Brücke fern der Städte in der Landschaft und am Meer gesucht wurde, war Ausdruck ihres Unbehagens in der Kultur..

Im Holzschnitt realisierte Schmidt-Rottluff 450 Bildideen; die Wahl des Mediums war auch eine Entscheidung für Verlangsamung in einer Zeit, als Film und Collage nach Beschleunigung zu drängen begannen.

In einer "Kristus-Mappe" von 1918 erhält die archaische Anmutung des Holzschnitts ihre größte Dichte. Die Figuren werden hart, zerfurcht und abweisend. Nichts erlaubt mehr, in ihnen einzukehren. Zwar spricht das Aufgreifen der christlichen Ikonografie am Ende des Ersten Weltkriegs für den Versuch, nach dem Zusammenbruch der äußeren Welt im Inneren einen neuen Halt zu finden, doch einfach scheint der Zugang zu ihr nicht. Zugleich eignet sich die radikale und bewusst auf die Nähe zum Primitiven und Magischen setzende Form die Geschichte von Christus als die eines Außenseiters an, der seine Einsamkeit trägt wie ein Opfer. Von dieser Verklärung der Außenseiterrolle war es nicht weit zur Heroisierung des eigenen Schicksals als Künstler.

Erst Ende der 20er Jahre lässt dieser existenzielle Leidensdruck wieder nach. Doch anders als in den so warm leuchtenden Gemälden von Schmidt-Rottluff bleiben seine Landschaften im Holzschnitt herbe im Ton: Die Härte, mit der Schwarz und Weiß aufeinandertreffen, kennt keinen Überflusst. Weicher, malerischer und entspannter sind dagegen seine Lithografien. Mit fast 70 hat er in den 50er Jahren in diesem Medium auch eine Summe seines Werkes gezogen. Stilleben bringen Plastiken aus seiner Sammlung westafrikanischer Kunst mit Birnen und Krügen zusammen, Gebirgsorte entstehen in ebenso lockerer Handschrift wie Kakteen und Krokusse. Wie ein Album, das Rückschau hält auf eine bewegte Zeit, stehen die Lithografien am Ende der Ausstellung. Die Kunst, die am Anfang Kampf und Selbstbehauptung war, ist da zu einer familiären Angelegenheit geworden.

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