Kultur : Drum ehret eure Könner

Richard Sennett will die „Craftsmanship“ retten

Gregor Dotzauer

Nennen wir seine eigene handwerkliche Tugend: rasende Gelassenheit. Als Redner ist Richard Sennett so bedächtig, dass ihm selbst am Vortragspult noch die Pfeife im Mundwinkel zu stecken scheint. Ein Mann, der seine Gedanken aus der geduldigen Wiederholung entwickelt, bis sie ein Ganzes ergeben. Als Kultursoziologe aber legt er einen irren Schweinsgalopp durch die Jahrhunderte vor, der auch die historisch entferntesten Erfahrungen für die Gegenwart nutzbar machen will. Von der antiken Töpferkunst zur Architektur der Linux-Software, von Antonio Stradivaris Servais-Cello zu den ersten Mobiltelefonen, vom Ethos der mittelalterlichen Gilden zu den Schwächen der Bush-Doktrin in sechzig Minuten: Richard Sennett verknüpft das alles im Namen einer craftsmanship, die er in seinem erst Anfang dieser Woche abgeschlossenen Buch „Hold the craftsman!“ untersucht und auch das Thema seiner vorgestrigen Mosse-Lecture „On Craftsmanship“ an der Humboldt-Universität bildete.

Das Deutsche kennt für den Begriff kein eindeutiges Äquivalent. Er lässt sich am ehesten mit Kunstfertigkeit, Könnerschaft oder handwerklichem Geschick umschreiben. Sennetts bescheidene Definition funktioniert dafür in allen Sprachen: „Könnerschaft heißt, etwas um seiner selbst willen so gut wie möglich tun.“ Doing something well for its own sake. Und das immer wieder: Für den wahren craftsman gibt es keine Vollendung. Er betrachtet seinen wiederkehrenden Arbeitsalltag nicht als mechanisch und stupide, sondern als Weg zur Verwandlung des Vertrauten in etwas Neues.

Die Folgerungen daraus und die Theorie, die er darum baut, sind weit weniger bescheiden. Denn es geht Sennett um eine Wiederversöhnung von Kopf- und Handarbeit, ohne die in letzter Konsequenz auch Menschheitsaufgaben wie die Bewältigung der drohenden Klimakatastrophe nicht zu leisten sind: „Wir werden mit der Welt um uns herum nicht zu Rande kommen, wenn wir sie nicht auch als unsere innere Welt betrachten.“ Und umgekehrt: Ohne uns an der widerständigen Materialität der Welt abzuarbeiten, glaubt er, gewinnen wir auch kein gesellschaftliches Ethos zurück. Das gilt für das Wissen, das wir aus unserer Hände Arbeit erlangen, wie für ein lebendiges Nachdenken, das sich nicht in Multiple-Choice-Alternativen erschöpft.

Richard Sennett, 1943 in Chicago geboren und heute Professor an der London School of Economics und am Massachusetts Institute of Technology, erweitert mit den Studien zur craftsmanship seine Untersuchungen zur „Kultur des neuen Kapitalismus“. In ihrer Mischung aus empirischer Sozialforschung, Ökonomie, Anthropologie und einem guten Teil Kulturkritik versuchen sie, urlinke Projekte für das 21. Jahrhundert zu beleben. „Hold the Craftsman“ bildet dabei nur den Auftakt einer Trilogie, in der als Nächstes ein Band zur Beziehung von Religion und Krieg folgen soll und zum Abschluss einer über Migranten und Exil.

Mit seiner Theorie der craftsmanship wendet sich Sennett vor allem gegen die Dematerialisierung unserer Wirklichkeit. Konsumgüter, so glaubt er, verlieren mehr und mehr ihre physische Realität. Das immer schnellere Auto, das niemand mehr ausfahren kann, der immer schnellere Computer, dessen Möglichkeiten kein normaler User ausreizen kann – beides sind Beispiele für einen Wettbewerb, der nicht notwendig zu mehr Qualität führt und durch den Mangel an Kooperation sogar zu weniger.

Die möglichen Einwände gegen Richard Sennett sind zahlreich – zumindest solange seine Theorie noch Skizze ist. Doch auf jeden Einzelnen hat er schon in der Humboldt-Universität eine Antwort versucht. Auch das ist eine Frage des Handwerks.

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