Kultur : Drushba!

Joachim Gauck hört Bruckner und die Russen lieben Raffael: ein Besuch in Dresden.

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Als Christian Thielemann vor knapp drei Jahren mit der Sächsischen Staatskapelle Bruckners Achte gab, erntete er begeisterte Kritiken und einen Vertrag als künftiger Chef des Orchesters. Längst spielen Dirigent und Musiker als vertraute Einheit – und so lag es nahe, zum Benefizkonzert des Bundespräsidenten, das am Sonntag turnusmäßig in Dresden stattfand, die c-Moll-Symphonie erneut aufzuführen. Puristen mochten mäkeln, dass Thielemann nicht die Originalfassung wählte, sondern eine spätere Bearbeitung; aber Puristen waren in der Semperoper an diesem Vormittag nicht zu entdecken. Eher eine gehäufte Fülle sächsischer Ministerialbeamter, die offenbar von der federführenden Staatskanzlei mit Freikarten bedacht worden waren. Zumindest hatte man nicht den Eindruck, das bürgerschaftliche Engagement, das mit den von Richard von Weizsäcker begründeten Benefizkonzerten zugleich gefördert wie gefeiert werden soll, vermöchte in Dresden genügend Wohltäter zu versammeln, um das gewaltige Rund der Semperoper zu füllen.

Bundespräsident Gauck pries eingangs weniger das Spendenwesen als vielmehr die Kraft der Musik, die „uns hochherzig machen“ könne. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich schickte landesväterliche Worte hinterdrein, und dann nahmen die Repräsentanten in der Königsloge Platz. Thielemann ließ Bruckner so machtvoll erklingen, so voller Klangtiefe bei den Blechbläsern und lichten Höhen bei den drei Harfen, dass hartherzig hätte sein müssen, wer davon nicht hochherzig gestimmt wurde.

Dresden feierte sich selbst an diesem Wochenende. Ohnehin feiert Dresden sich unablässig selbst. In der Oper gedeckte Farben, draußen vor dem Semperbau der bunte Outdoorlook, den Touristen anlegen, ob bei Pauschal-Safari oder im Großstadtdschungel. Neben der Semperoper liegt die Sempergalerie, da wird die „Sixtinische Madonna“ unter dem Titel „Raffaels Kultbild wird 500“ gefeiert, unter Anteilnahme zahlreicher Besucher aus Russland.

Es wirkt fort, dass Dresdens Kunstschätze ein gutes Jahrzehnt in der Sowjetunion zugebracht haben, ehe sie 1957 an die DDR gegeben wurden und an ihren angestammten Platz zurückkehrten. Und so mancher russische Besucher von heute mag vor 1990 als Rotarmist in Dresden stationiert gewesen sein.

Umgekehrt besteht ebenfalls eine gewisse Affinität. So ist die Inszenierung des Bühnenfassung von „Der Meister und Margarita“ im Schauspielhaus gleich auf 900 Aufführungen angelegt, wenn man Regisseur Wolfgang Engel Glauben schenken will. Schließlich wurde Michail Bulgakows 25 Jahre lang verbotener Roman im Realsozialismus als erlaubte Satire geschätzt. Auch im Schauspielhaus ist das Publikum, wie in der Semperoper, gesetzteren Alters, und wenn ein einziger Satz auf Russisch eingestreut wird, jauchzt es kennerisch auf. Dass man Bulgakows vielfädigen Roman kaum auf die Bühne stellen kann und schon gar nicht, wenn er wie in Dresden auf Groteske und Varietétheater getrimmt wird, steht auf einem anderen Blatt. Wolfgang Engel, in den achtziger Jahren Hausregisseur am Schauspielhaus, hat’s gemacht, weil „der Roman Kult war in der DDR“.

Bei der Staatskapelle der „deutsche Klang“, den Christian Thielemann so hingebungsvoll pflegt, im Staatsschauspiel DDR-Erinnerung und in der Galerie Alte Meister das Gemälde, das seit seiner Erwerbung 1754 für den Glanz von Elb-Florenz steht: Stimmiger konnte das Bild nicht sein, das Dresden an diesem Wochenende zur Schau stellte. Und schöner eben auch nicht. Bernhard Schulz

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