Dschungelcamp : Lausige Tropen

Im Urwald der Krise: Warum das "Dschungelcamp" als Spielwiese für die erhitzte Konkurrenzgesellschaft taugt.

Caroline Fetscher

Sie tun das freiwillig. Einige halbprominente, schwitzende Deutsche unterziehen sich gut zwei Wochen lang einer Dauerprüfung vor laufender Kamera. Alles ist zu sehen, zu hören: Tränenausbrüche, Albernheiten, Geschrei oder heimlichtuerisches Geflüster. Vier Millionen Zuschauer, die meisten zwischen 25 und 49 Jahre alt, sind auch bei der am Sonnabend zu Ende gegangenen vierten „Dschungelcamp“-Staffel Tag für Tag vor ihren TV-Bildschirmen dabei gewesen, als sich sogenannte „Promi-Camper“, die Ingrid, Peter, Nico, Giulia, Michael, Gundis oder Lorielle heißen, im australischen Regenwald mit Ekel und Müdigkeit abplagten, mit Hitze oder krabbelndem, giftigem Getier (siehe auch Medien, S. 27).

„Ich habe die Schmerztabletten heimlich genommen“, gestand eine Teilnehmerin, die „Deserteurin“ Giulia. Durchhalten ist das Motto der Prüfung. „Ich habe Grenzen überschritten“, fügte sie hinzu, im Jargon des aktuellen Psycho smalltalk. Sie habe angefangen, an ihren „Ängsten zu arbeiten“ und werde das weiterhin „therapeutisch angehen“, die Spinnenphobie genauso wie die Klaustrophobie.

Zwar existiert das Unterhaltungsprogramm „Dschungelcamp“ des Privatsenders RTL, das Extremerfahrungen in der Natur live dokumentiert, schon seit 2005 – aber so erfolgreich wie zuletzt war es seit der ersten Staffel nicht mehr. Entstanden ist das Camp als Steigerung des Container-Labors von „Big Brother“. Anders als der Container präsentiert es nicht die Spannungen des Sozialen in der verdichteten Form einer medial beobachteten Wohngemeinschaft. Nein, das Dschungelcamp arbeitet nicht als Kammerspiele live, sondern suggeriert reales Ausgesetztsein im Dschungel der Gegenwart.

Der Dschungel ist kompatibel mit dem Karrierekampf

Vergnügt blicken die tropischen RTL-Produzenten auf ihre neuen Rekordquoten zurück. Sie gestalteten das rege von Zuschauerkommentaren begleitete, serielle Delirium immer aufwendiger, immer skurriler. Wer all das allein als verdummendes Entertainment der Unterschicht abtut, macht es sich zu einfach angesichts eines Formats, das sich in jeder Sekunde selbst zu denunzieren scheint. Das tropische Spektakel lässt sich ertragreich als gigantische Metapher lesen, die eloquent einige Aspekte der Gegenwart spiegelt.

Die Tropenwälder, so artenreich wie ursprünglich, sind ästhetisch und ökologisch kostbar: Sie müssen gerettet werden. An diesen Appell, der seit der Naturschutz-Wende der achtziger Jahre längst Konsens geworden ist, hat sich die westliche Öffentlichkeit gewöhnt. Mit dem „Dschungelcamp“ allerdings wird eine historisch ältere Ikonografie des Tropischen evoziert, in die Gegenwart transponiert und ihr angepasst. Gesättigt mit dämonischen Anteilen waren schon die erbarmungslosen Tropen der kolonialen Forscher und Händler, darin unterscheiden sie sich nicht von den Prüfungstropen der postmodernen Camper. Doch bei RTL geht es weniger um den alten darwinistischen Dschungel der Kolonialzeit oder um den erotisierten Urwald, der Humphrey Bogart und Katharine Hepburn an Bord der „African Queen“ gewissermaßen zum Ursprung ihrer „Natur“ verführte. Heute geht es um einen Dschungel, der kompatibel geworden ist mit jenem Karrierekampf, wie ihn die spezifische Survival-Mentalität unserer Medien- und Dienstleistungsgesellschaft einzufordern scheint, zumindest in der Fantasie der Beteiligten. So ist es kein Wunder, dass das „Dschungelcamp“ gerade in den Zeiten der Krise besonders beliebt ist.

Der Warenwert auf dem virtuellen Markt muss verteidigt werden

Vorgestellt wird also ein Urwald mit Casting-Klima – vergleichbar dem postmodernen Assess ment -Center, in dem ein Unternehmen Job -Bewerber auf ihre Tauglichkeit testet. Gleichzeitig macht dieser Bilderkosmos Anleihen bei so disparat wirkenden Szenarios wie Straflager, Trainingslager, Urlaubsanimation, Quiz- und Castingshow. Das tropische Assessment-Center kombiniert Fun Events mit Grausamkeits-Spektakeln und erweist sich so als Spiegel der Wunschvorstellungen von einem Erwachsensein, bei dem am Ende „alles nur Spiel“ bleibt. Vom wahren Erwachsensein sind auf diese Weise alle suspendiert.

Ewiges Verharren in der Adoleszenz ist nachgerade die Voraussetzung fürs Mitmachen. Sogenannte „Stars“, meist mediokre Celebrities, geben die Protagonisten ab und hausen für die Dauer der Show auf einem von Kameras umstellten Zeltplatz in der abgeschiedenen Wildnis. Dort müssen sie beweisen, dass es ihnen vor gar nichts graust, weil sie den Job, den Titel bekommen wollen. Möglichst tough, sollen sie sich selber vorführen, sich aber auch als witzig erweisen, mit Teamgeist, Courage und Ellenbogen.

Beurteilt werden die Camper nicht von Personalmanagern und Headhuntern, sondern von den Millionen, die ihre Worte, Gesten, Taten verfolgen. Das Ausgesetztsein in der vermeintlichen Einsamkeit der Wildnis entpuppt sich so als maximales Ausgesetztsein vor der Publikumsgunst. Von den per Telefon wählenden Zuschauern wollen sie ihre individuellen Quoten erhalten, um nicht aus der Kandidatengruppe zu fliegen. Eingeblendete Börsenbarometer zeigen den Grad der Beliebtheit der Einzelnen an – und machen klar, dass sie ihren Warenwert verteidigen auf diesem virtuellen Markt.

Keine Stars, nur jene, die es sein wollen

Für die Teilnehmer am Bildschirm ist der Thrill ambivalent. Sie können sich in Echtzeit mit dem Los der Camper identifizieren, sie sind mit der Macht des „Wählers“ ausgestattet und erhalten zugleich die Legitimation, ja Ermutigung zu offenem Voyeurismus. So mutiert das Camp zu einem monströsen Szenario, als sei es einem Traum oder Alptraum entsprungen. Zu den sogenannten Prüfungen gehört vor allem die Konfrontation mit phobisch besetzten Objekten, wie sie zum Material von Alpträumen gehören, Insekten, Ratten, Maden, Würmer, Spinnen, Kakerlaken oder zerstückelte Körper, also Krokodilfüße, Fischaugen und Tierhoden. Auch andere, teils Träumen, teils Folterfantasien entlehnte Szenen wie das Ertränken und damit die Angst vor dem Ersticken, dem Abstürzen und Untergehen werden ins Programm integriert.

„Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ lautet der eigentliche Titel der Sendung. Wenn sie nicht mehr können, richten die Protagonisten ans Publikum ihren paradoxen Appell, sie aus diesem selbst gewählten Alptraum herauszureißen. Wer aber geht, der ist zugleich Deserteur, er hat nicht bestanden. Darum sind die Zuschauer beides, Komplizen und Konkurrenz, Fan und Chefs. Und deshalb bitten die Protagonisten das Publikum, vor dem sie in Tangas und Bikinis, in Militärgrün oder Jogging-Outfit posieren: „Rufen Sie für mich an! Ich würde mich super voll freuen!“ In dieser Persiflage von Partizipation und Demokratie wird das Publikum zum kollektiven Statthalter des Arbeitgebers – und zum heimlichen Regenten auf dem heimischen Sofa.

Dem klassisch-kolonialen, bedrohlichen Dschungelszenario der Eroberer, dessen Rumpfbotschaft noch Werner Herzogs Films „Fitzcarraldo“ in Szene setzte, fehlt hier jeglicher Inhalt, jegliche transzendente Botschaft. Den Erfolg des nackten Survival heimst derjenige ein, der den im Grunde höhnischen Titel des Dschungelkönigs oder der Dschungelkönigin verliehen bekommt.

Dass sich im Fernsehdschungel Stars tummeln, die gar keine sind, sondern nur welche sein wollen – wie der Zuschauer selbst –, macht den zusätzlichen aktuellen Reiz des Formats aus. Das sind ja auch nur Loser, Spieler, Angeber, Hochstapler! Stellvertretend für alle zelebrieren sie ihre Stunde von Ruhm und Risiko, und das Publikum darf beim Circus Maximus der Tele-Vision sein Urteil fällen. Nicht, ich, der Zuschauer, bin von Entlassung bedroht, nein, ich darf entlassen, ich darf richten. So wird das Dschungelcamp auf der Folie einer bedrohlichen Welt aus Waren und Entertainment zur Persiflage all dessen, was diese Welt zähmen sollte: Demokratie, Partizipation, erwachsene Verantwortung.

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