DSO mit Tugan Sokhiev in der Philharmonie : An der Grenze zum Wahnsinn

Experimentell und verstörend: In der Philharmonie überzeugen das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Tugan Sokhiev und die Sopranistin Sally Matthews mit Mahlers vierter Symphonie.

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Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO seit 2012.
Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO seit 2012.Foto: David Beecroft

Tugan Sokhiev gehört zweifellos zu den begabtesten und ernsthaftesten Dirigenten der jüngeren Generation. Kritisiert wird manchmal lediglich, dass er sich zu stark auf sein Kernrepertoire, die russische Musik, konzentriert. Seit der Ossete 2012 zum Chefdirigenten des Deutschen Symphonie- Orchesters Berlin (DSO) ernannt wurde, ändert sich das spürbar.

Einer gefeierten Aufführung von Gustav Mahlers zweiter Symphonie zu Beginn des Jahres folgte jetzt in der Philharmonie ein Konzert mit der vierten des österreichischen Komponisten.

Die vorangestellte Haydn- Symphonie Nr. 103 klingt schön und präzise, aber doch auch, trotz herrlicher Holzbläsersoli, etwas konventionell und steif. Eine Zurücknahme des Vibratos würde den Streicherklang weniger oberstimmenlastig und transparenter machen, da haben die Experten der historischen Aufführungspraxis eben doch recht.

Spektakuläre Interpretation

Die folgende Mahler-Interpretation ist allerdings spektakulär, gerade weil Sokhiev auf Übertreibungen verzichtet und das Werk vom falschen Charme der Volkstümlichkeit und Heiterkeit befreit. Während viele Dirigenten schon beim Geigenaufgang zum ersten Thema auf die Tempobremse drücken, erlaubt Sokhiev nur eine minimale Verzögerung, um erst bei einer Parallelstelle am Ende des Satzes ein nachdrückliches Ritardando anzuzeigen. Besonders dieser erste Satz klingt experimentell und verstörend. Im Motivdschungel des Mittelteils gerät die Musik stellenweise an die Grenze zum Wahnsinn; wenn dann bei der Reprise so getan wird, als sei doch eigentlich gar nichts geschehen, verstärkt das nur den Eindruck des Beunruhigenden. Wunderbar gesungen und zugleich präzise ausgehört gelingt der langsame Satz. Für das Wunderhorn-Lied im Finale des Werkes wirkt Sally Matthews’ Sopran etwas zu schwer, die letzte Strophe aber wird dank gemeinsamen Atmens mit dem Orchester zu einem bewegenden Moment.

Hörbar behutsam nähert sich der Dirigent mit dem glänzend aufgelegten DSO dem Kosmos Mahler und vermeidet dabei alle Klischees. Mahlers Symphonien werden heute eher zu oft aufgeführt, es hat sich der Anschein der Vertrautheit und, schlimmer noch, Vertraulichkeit eingeschlichen. Sokhievs eher analytische Erkundungen machen dagegen sehr neugierig.

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