DSO spielt Prokofjew und Schostakowitsch : Tugan Sokhievs Kraftexzess

Tugan Sokhiev zeigt beim Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester sein Hauptvorhaben für diese Saison: die Präsentation des Facettenreichtums russischer Musik - mit Prokofjew und Schostakowitsch.

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Tugan Sokhiev
Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin: Tugan Sokhiev.Foto: dpa

Ein Triumph der Jugendlichkeit, der Vitalität, der guten Laune ist dieser Abend mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und seinem Chef Tugan Sokhiev. Wie im Brennglas zeigt sich ein Hauptvorhaben des jungen Maestros für diese Saison: die Präsentation des Facettenreichtums russischer Musik, die vor allem im Streben nach Modernität und Komplexität Klischees überwindet. Schostakowitsch und Prokofjew zeigen sich gleichermaßen verwandt und fern.

„Das goldene Zeitalter“ nennt sich ein Ballett von 1930, in dem eine sowjetische Fußballmannschaft bei einem Turnier in kapitalistischen Landen allen dekadenten Verführungen trotzt. Dass Dummheit und Naivität hier keinen Systemgrenzen unterliegen, macht die Musik des 23-jährigen Schostakowitsch glasklar. Sie ergießt ihren Spott gleichmäßig über schwülen Walzer oder zuchtlosen Foxtrott wie ehrbaren proletarischen Marsch. Ein „musikalischer Spaß“ der geistvollsten Sorte, dem das DSO mit brillantem Übermut und hörbar grell pointiert huldigt.

Scheinbar klassizistisch schlägt das 2. Klavierkonzert F-Dur fast 30 Jahre später einen manierlicheren Ton an. Und doch blitzt aus jedem der etüdenhaften Läufe intelligenter Spott hervor. Boris Berezovsky besticht mit lässiger Eleganz und kann vor allem im Andante seinen kantablen Ton über feinen Streicherpizzikati schweben und leuchten lassen. Seine überbordende Kraft kann der Pianist zuvor in Prokofjews Klavierkonzert Nr. 1 ausleben, einem frühen Geniestreich, dessen Titel „Fußballkonzert“ auch das Orchester zu wahren Kraftexzessen animiert – und doch bleibt Prokofjews lyrische Ader, sein Klangsinn, seine melodische Originalität etwas unterbelichtet.

Prokofjews „Skythische Suite“, 1916 unter dem Einfluss von Strawinskys „Sacre“ entstanden, darf da mehr Differenzierung zeigen. In rauer Unisono-Melodik der Blechbläser, bestrickender Delikatesse von Flöte, Harfe und Celesta, im Übergang zart wispernder „Stimmen der Nacht“ in unruhige, rhythmisch vielgestaltige Motorik läuft das Orchester zu Bestform auf. Überwältigend verschmelzen die Instrumente am Ende zum „musikalischen Sonnenaufgang“, zu allen nur erdenklichen Vibrationen, die nicht weniger als zehn Schlagzeuger zu vollbringen vermögen.

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