DSO und Tugan Sokhiev : Der Glanz der frühen Jahre

Der neue Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, Tugan Sokhiev, hat alles, was man braucht: Neugier, Spaß und Kompetenz.

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Foto: Erik Weiss
Foto: Erik Weiss

Im Kinobusiness würde man von einem astreinen Arthouse-Projekt sprechen: Diesen Ehrentitel erhalten Filme, die dem Zuschauern mehr zu knacken geben als Popcorn. So ambitioniert sich das Programm des Deutschen Symphonie-Orchesters und seines neuen Chefdirigenten Tugan Sokhiev auf dem Papier liest – am Sonnabend entwickelt es sich in der ausverkauften Philharmonie zum sinnlichen Glückserlebnis. Denn an diesem Abend zeigt der 35-jährige Dirigent aus Ossetien, dass er alles hat, was der künstlerische Leiter eines Rundfunkorchesters braucht: Neugier auf Zeitgenössisches, Spaß an ungewöhnlichen Werkzusammenstellungen und Kompetenz im romantischen Kernrepertoire.

Eine Klavierminiatur des späten Beethoven hat Aribert Reimann 2002 zu „Nahe Ferne“ inspiriert. Aus den herben, sehr abstrakten Tonbewegungen des Orchesters tauchen kurze Zitate des Klassie-Stücks auf: wie weich und rund wirken sie vor dem Hintergrund von Reimanns geradezu geometrischer Musik.

Haydns D-Dur-Klavierkonzert verleiht Tugan Sokhiev einen ebenso lichten wie leichten Klang. Um ehrlich zu sein, ist dieser Klang sogar pointierter, lebhafter pulsierend, als man es dem jungen Chef zugetraut hätte, der ja sein Handwerk noch beim greisen russischen Maestro-Macher Ilja Musin gelernt hat. Pianist Emmanuel Ax aber steigt gern auf den Erzählgestus der Orchestereinleitung ein, spinnt die Themen eloquent fort, als charmante Konversation. Intelligent, rhythmisch knackig und durchaus humorvoll treibt Ax anschließend Strawinskys „Capriccio für Klavier und Orchester“ voran, vom motorisch abschnurrenden Presto bis zum mitreißenden Finale im Cabaret-Stil, unterstützt von einem detailgenau dirigierenden Sokhiev.

Noch eine Überraschung: Ganz bei sich ist der junge Russe auch in Brahms’ vierter Sinfonie. Es sind weniger die strukturellen Subtext-Ebenen der Partitur, die Sokhiev interessieren, der Rekurs des Komponisten auf barocke Formen, die Binnenbeziehungen des motivisch-thematischen Materials oder Brahms’ Kunst der sich entwickelnden Variation. Sokhiev findet in der Vierten vor allem klangliche Schönheiten, nimmt die Übergänge ganz weich, vermeidet alles Schroffe, Abgründige, treibt die Streicher zu dichtem, süßem Melos. Und weil die Musiker diesem Interpretationsansatz rückhaltlos folgen, wird eine prachtvolle Aufführung daraus.

Durch den rhapsodischen Gestus rückt Brahms in den Ecksätzen ästhetisch erstaunlich nah an seinen Zeitgenossen Tschaikowsky heran, auch das Andante wirkt ballettös, ein zarter pas de deux. Gar nicht grimmig, querständig, wie viele seiner Kollegen, empfindet Tugan Sokhiev den dritten Satz: sondern als saftiges Scherzo im Silberglanz der Triangel.

Am Ende lang anhaltender Applaus, angefeuert von einem Bravo-Rufer in Block A, der dort vor der Pause noch nicht saß. Es ist Emmanuel Ax.

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