Kultur : Du bist die Berliner Philharmoniker

Jenseits des Reformstaus: Warum Simon Rattle und seine Musiker ein Vorbild für Deutschland sein können

Frederik Hanssen

Musikalische Botschafter Deutschlands. Das spricht sich so leicht aus, und klingt so verdächtig nach Sonntagsrede. Doch wenn die Berliner Philharmoniker am Mittwoch zu ihrer Asientournee nach Peking, Schanghai, Seoul, Taipeh, Hongkong und Tokio aufbrechen, dann repräsentieren sie tatsächlich die Bundesrepublik, wie sie sich selber gern sähe – und wie sie doch bislang nur in der Imagekampagne „Du bist Deutschland“ existiert: jung und innovativ, neugierig, polyglott und beweglich.

Lautlos – soweit man das bei einem Sinfonieorchester sagen kann – hat sich in den letzten Jahren ein Generationswechsel vollzogen. Längst ist bei den abendlichen Auftritten der Philharmoniker der Altersdurchschnitt auf dem Podium deutlich niedriger als im Saal. Junge, bestens ausgebildete, hochmotivierte Spezialisten sitzen da, die ganz selbstverständlich alle musikalischen Sprachen sprechen. So duftig und dabei gleichzeitig von bestechender intellektueller Eleganz dürfte beispielsweise Claude Debussy seine Musik zu Lebzeiten nie gehört haben. Selten sind die Auftritte der alten Pultstars à la Maazel und Muti geworden; auch ohne die programmatisch eingreifende Hand eines Intendanten haben die Philharmoniker sich vor allem solche Maestri eingeladen, die sie ästhetisch herausfordern. Ob Raritäten des Repertoires, Neue Musik oder historische Aufführungspraxis, die Neugier kennt keine Grenzen.

Die Berliner Philharmoniker des Jahres 2005 sind tatsächlich ein Orchester des 21. Jahrhunderts – vielleicht sogar das bislang einzige. Die Gastspiele der Spitzenensembles aus London und New York im Rahmen des neuen Musikfests Anfang September haben gezeigt, wie sehr die hauptstädtische Musikertruppe der Zukunft zugewandt ist, im Gegensatz zu diesen konventionellen Klangkörpern – von einem patriarchalen Traditionsverein wie den Wiener Philharmonikern ganz zu schweigen.

Gralsdienst im Musiktempel gibt es bei den Philharmonikern nicht mehr. Wo Simon Rattles Geist weht, ist die Zeit zu kostbar, um gedankenlos-ehrfürchtig die Meisterwerke der Vergangenheit zu zelebrieren. Nein, jedes Konzertprogramm soll eine Entdeckungsreise sein; Verirrungen und Abstürze inbegriffen. Diese Musiker haben etwas zu sagen und wollen ihre Botschaft in die Welt hinaus tragen: 12 Auftritte binnen 20 Tagen in sechs Städten auf der anderen Seite der Erdkugel – dieses Orchester ist weltweit präsent.

Und dennoch dürfte den Philharmonikern etwas anderes als Applaus in den Ohren klingen, wenn sie morgen ihre Koffer packen. Am heutigen Montag nämlich tagt der „Unterausschuss Theater“ des Abgeordnetenhauses, in dem die Finanzexperten der Fraktionen die Wirtschaftspläne der Kulturinstitutionen diskutieren. Und zwar in einem Tonfall, der manchem die Nackenhaare in die Horizontale treibt. Ein solches Spektakel von demütigender Dimension steht den Berliner Philharmonikern heute bevor. Denn es regt sich Widerstand gegen einen Plan von Kultursenator Thomas Flierl, der die staatliche Unterstützung für die Philharmoniker auf dem Niveau des Jahres 2004 fortschreiben will.

Mit der Umwandlung vom Staatsbetrieb in eine Stiftung kam das Orchester 2001 in den Genuss eines mehrjährigen Zuwendungsvertrags, ein Modell, das erfolgreich bei den Berliner Hochschulen praktiziert wird. In der großen Koalition bediente man sich damals eines alten Tricks, um die Finanzierung des Spitzenorchesters, an dem der Bund deutlich Interesse gezeigt hatte, aus dem Berliner Haushalt realisieren zu können: Das Orchester erhielt einen Zuschuss von jährlich 14,4 Millionen Euro, von dem allerdings ein Anteil von 1,2 Millionen Euro aus Lottomitteln kam. Noch vor Vertragsunterzeichnung stürzte die schwarz-rote Landesregierung, Christoph Stölzls Nachfolgerin Adrienne Goehler und der damals gerade inthronisierte Philharmoniker-Intendant Franz Xaver Ohnesorg unterschrieben den Vertrag, wohl in Unkenntnis der Sittenwidrigkeit des Lotto-Tricks.

Mit dieser gegen jede „Haushaltswahrheit“ verstoßenden Taktik will Thomas Flierl nun aufräumen und schlägt darum vor, ab 2006 die Philharmoniker komplett aus dem Kulturetat zu bezahlen. Dabei geht es nicht um eine Gehaltserhöhung, sondern de facto um eine Absenkung, weil die Musiker bis 2010 auf einen Ausgleich der Inflationsrate verzichten. Dennoch wird Flierls Vertragsentwurf sowohl von der SPD wie von den Grünen erbittert bekämpft.

Während die Sozialdemokraten an der Teilfinanzierung durch Lotto festhalten wollen, plädiert die Vorsitzende des Kulturausschusses, Alice Ströver, dafür, den Orchesterzuschuss um 1,2 Millionen abzusenken. Ihr Argument: Den weltberühmten Musikern sei es zuzumuten, Teile ihres Finanzbedarfs von privaten Spendern einzuwerben. Die als „Miss Marple“ der hauptstädtischen Kunstszene allseits geschätzte Politikerin hat sich hier in eine heikle Argumentation verrannt: Denn es kann nicht angehen, dass die Musiker durch Zuschussabsenkung dafür bestraft werden, dass sie die Deutsche Bank als Hauptsponsor gewinnen konnten. Zumal mit diesem Bank- Geld ein Pilotprojekt gestartet wurde, für das der Staat keine Mittel übrig hatte – und dessen enorme politische Brisanz sich dank des Films „Rhythm is it“ offenbarte. Während die anderen Orchester ihre Jugendarbeit weitgehend auf Augenhöhe mit ihrer Stammklientel betreiben, orientieren sich die Philharmoniker mit ihrem Education-Programm an Erfahrungen aus angelsächsischen Ländern. Die Aufspreizung der Gesellschaft in ganz oben und ganz unten – in Großbritannien und den USA bittere Realität – verpflichtet die Elite zur Hilfestellung. In den Tanzprojekten helfen die Education-Arbeiter Unterschicht-Jugendlichen, Körpergefühl und Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln – und so die Sinnhaftigkeit von eigenem Engagement zu erfahren.

Wenn die SPD-Fraktion tatsächlich gegen den Beschluss des Senats die Philharmoniker dazu nötigen würde, einen Teil ihres Zuschusses bei der Lotto-Stiftung zu beantragen – wofür sollten die Musiker denn Geld erbitten? Ihre Gehälter sind wie in allen seriösen Berufen durch einen Flächentarifvertrag abgesichert. Vielleicht wird ja ein Heizkostenzuschuss für die Philharmonie bewilligt.

Jeder Musiker, der bei den Philharmonikern mitspielt, könnte problemlos auch als Solist Karriere machen. Doch sie alle haben sich für die Teamarbeit entschieden, für eine selbstverwaltete Orchesterdemokratie, die darum so exzellent funktioniert, weil hier jeder nicht nur seine Stimme erhebt, sondern gleichzeitig immer auch auf den anderen hört. Die Berliner Philharmoniker beweisen, dass auch im Kollektiv individuelle Verwirklichung möglich ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar