Kultur : Du bist die Hölle

Neues von Albert Ostermeier am Schauspiel Frankfurt

Ruth Fühner

Wir sitzen im fünften Stock, aber die Szenerie ist unterirdisch. Der alten Kesselhalle des ehemaligen Frankfurter Heizkraftwerks fehlt der Kessel, übers Geländer hinweg wird ein schwindelnder Abgrund sichtbar und links, rechts, gradeaus ein labyrinthisches Gewirr aus stählernen Stegen und Treppen.

Kein besserer Ort ist denkbar für „Katakomben“, dieses Auftragswerk des Schauspiels Frankfurt, für Albert Ostermeiers rasantes Vexierspiel über die Mächte des Bösen, die in den Katakomben (unseres Unbewussten? Unserer Städte? Der Hölle?) herrschen und um die Seelen der Oberirdischen konkurrieren wie ihre Spiegelbilder in den Konzernzentralen oder Mafiahöhlen. Sie heissen wie Fantasy-Serienhelden – Dark, Angel –, oder wie die Schlange aus der nordischen Edda – Mit(g)ard, einer der Schergen im Matrosenhemd heisst Kersk wie die Kursk, das untergegangene Atom-U-Boot. Sie sprechen biblisch wie Jonas im Bauch des Wals oder melvillesch wie Käpt’n Ahab. Sie sind so lebensecht wie Lara Croft, und sie spielen in einem Stück, das aussieht, als hätte man ein Internetspiel, einen Krimi und die Apokalypse übereinander kopiert – und herausgekommen wäre ein Albtraum, in dem das Erwachen nur die nächste Stufe des Schreckens markiert.

Oder eine Liebesgeschichte? Yvonne lebt mit Viktor, einem Model, dessen Gesicht überall in der Stadt von Plakatwänden bleckt. Viel los ist nicht mehr in ihrer Beziehung, sie haben zu spielen angefangen, mit blind dates, ausgeliehenen Identitäten und gefährlichen Ausflügen in jene Katakomben, die Viktor gern als Partylocations nutzt – und in denen er die Spielzüge für Yvonne offenbar genau vorausberechnet.

Doch etwas scheint außer Kontrolle zu geraten, Yvonne, eine andere Eurydike, wird zum Zankapfel der Unterwelt (ihrer unbewussten Wünsche?), Nadeln werden in ihren Körper gejagt, die sie wie einen Kompass ausrichten auf Les, seit sie ihn ein einziges Mal in der U-Bahn gesehen hat. Am Schluss liegt sie in seinen Armen, aber Les, sagt er, ist Viktor...

Wanda Golonka, die die Produktion zehn Tage vor der Uraufführungspremiere von der ursprünglich vorgesehenen Regisseurin Monika Gintersdorfer übernahm, inszeniert atemlos, rauh und kühl. Schneidet aus dem Kesselhallengewirr fest umrissene Lichtflächen heraus, projiziert einzelne, dokumentarisch wirkende Szenen per Video auf die Wände, lässt ihre Schauspieler, streng in schwarz gekleidet wie für eine Schickeria-Party im Untergrund, zu Techno-Musik über die Stege turnen und ihre Texte emotionslos exekutieren.

So gewinnt das Stück eine Schwere und Dämonie, unter der das Spielerische, Oberflächliche, glitzernd Spiegelnde des Ostermeierschen Zitier-Verfahrens erdrückt wird. Nur in einer Szene gewinnt die Regie dem Stück visuell eine Dimension hinzu: in einem der Dialoge werden die Oscar-Werner-Gesichter der Akteure, von Zigarettenrauch umnebelt, in überbelichteter Grossaufnahme schwarzweiss auf die Wände projiziert. Mit dieser einen Reminiszenz an die existenzialistischen Filme der Fünfzigerjahre gewinnt die Inszenierung auf einmal eine ganz fremde Tiefenschärfe, sie ist eine einsam funkelnde Scherbe, von denen es aber einen ganzen Haufen bedürfte, um Ostermeiers Stück wirklich zum Leben zu erwecken.

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