Kultur : Du bist mein ganzes Herz

„Die Frau von Früher“: Das Wiener Akademietheater verfällt dem Liebeswahn

Hartmut Krug

Eine riesige Umzugskiste steht auf der Bühne des Wiener Akademietheaters. Sie ist so groß, dass sie die Rampe völlig ausfüllt. Vierzehn Bühnenarbeiter müssen mächtig schuften, um sie zu entfalten und sie, einer Pandora-Büchse gleich, für das Spiel der Übergangsgesellschaft zu öffnen. Denn nichts anderes sind Claudia und Frank, die mit ihrem 19-jährigen Sohn Andi nach Übersee aufbrechen wollen: Menschen im Übergang.

Eine Ehe im Transit-Stadium. Für die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs existenziellem Gedankenspiel „Die Frau von Früher“ hat Katrin Brack, die gerade in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zur Bühnenbildnerin des Jahres erwählt wurde, ein aufgeräumtes, leer geräumtes Ambiente entworfen. Nur eine kleinere Umzugskiste steht noch da, ein Karton, zudem zwei Wasserflaschen und ein verwirrter Mann. Sein Leben ist nach 20 Jahren Ehe verpackt und schon mal vorausgeschickt worden. Doch plötzlich steht Romy vor der Tür.

Romy passt nicht ins Bild. Eigentlich passt sie überhaupt nicht in diese Realität. „Die bloße Beschreibung der Realität geht für mich nur, wenn sie eine groteske Dimension erfährt“, behauptet Schimmelpfennig. Und grotesk ist in der Tat, was Romy will. Vor 24 Jahren war sie mit Frank liiert, und er hat ihr ewige Liebe geschworen. Die fordert sie nun von einem Mann ein, der sie nicht einmal wiedererkennt. Wie schon in „Vor langer Zeit im Mai“, 1996 an der Schaubühne uraufgeführt, geht es um Schimmelpfennigs Grundthemen, um erste Liebe, Verlust und Erinnerung. Das neue Stück, eine Auftragsarbeit für das Burgtheater, ist ebenso (Alb-)Traumspiel wie schnelles Boulevardstück. Mit Türklappdramaturgie, Botenberichten durch die Freundin des Sohnes und einer unlinearen Dramaturgie konstruiert der Autor eine Handlung, die er immer wieder anhält, zurückspult oder zeitlich variiert.

Doch die Absicht, mit derlei Zeitsprüngen verpasste Momente im Leben seiner Figuren zu entdecken oder dem Publikum Assoziationsräume zu öffnen, geht nicht auf. Es gibt keine Brechungen, nur Unterbrechungen. Die Absicht des Autors ist allzu durchschaubar. Die Figuren und deren Karten sind (fest)gelegt. Wenn das Konstrukt mal nicht mehr aufgeht, wird ein Stein von außen ins Becken geworfen. So überzeugt Schimmelpfennigs Geschichte nicht durch Logik, sondern wegen ihrer Ausweglosigkeit.

Da steht Romy also in der Tür, so bedingungslos wie verlegen. Christiane von Poelnitz hält dabei wunderbar die Balance zwischen Verklemmtheit und Hysterie. Ihre Romy hat ein Leben gelebt, auch mit anderen Männern, aber es war nicht das richtige. Das nicht gelebte, nur versprochene mit Frank – Markus Hering gibt ihn als komisch-verdrucksten Mann, der sich unwohl fühlt in seiner Haut – soll nun beginnen. Sie kommt, und die andere Frau soll gehen. Alles soll neu, alles soll endlich richtig werden.

So wird das Stück zu einer modernen Medea-Variante: Romy verführt und ermordet den Sohn der Rivalin, während diese – Regina Fritsch stattet sie leider nur mit zickig-besserwisserischer Genervtheit aus – durch ein Geschenk in Brand gesetzt wird. Die Komödie endet als ausweglose Tragödie: Frank bleibt allein zu Haus, doch bewegen kann er sich nicht mehr.

Utopie als das unbedingte Ferne muss nicht moralisch, muss nicht einmal politisch, sondern lediglich konsequent sein, meint der Autor. Regisseur Stephan Müller setzt nicht auf Schnelligkeit, sondern auf Atmosphäre. Das belastet und verlangsamt das Stück, bis es schwer, ja beschwerlich wird. Müller schließt es nicht in all seiner Problematik auf, sondern begibt sich nur auf die tiefere Bedeutungsebene, die der Autor unter eine ja eigentlich normale Beziehungsgeschichte legt. Dem Wiener Publikum hat’s trotzdem mächtig gefallen.

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