Kultur : Du bist toll, ich bin toll, wir sind toll

SANDRA LUZINA

Ryan spielt Ryan, der All-American-Boy aus Wyoming ist so sympathisch und herrlich unversaut, er empfängt die Zuschauer mit Anekdoten aus seinem Leben und geleitet sie mit seinen Wünschen nach Hause.Am Ende des Theaterabends aber hat dieser reizende Repräsentant der moral majority in einen Abgrund geblickt - Aufruhr und Gewalt lauern überall, so lautet sein Fazit.

Der Regisseur Dirk Cieslak hat sich in "Ambitious Soap" an Filmklassiker aus den 70er, 80er und 90er Jahren angelehnt.Ihn interessieren nicht die formal-ästhetischen Unterschiede in den Filmen von John Cassavetes, David Lynch und Quentin Tarantino, er legt seine Augenmerk vielmehr darauf, wie hier Liebe und Gewalt verhandelt wird.Das Paar in "Kleine Liebe" hegt große Erwartungen.Zuerst reden Mann und Frau sich ein, daß der andere toll ist, dann beteuern sie sich gegenseitig, daß sie toll sind, um schließlich herauszufinden, daß sie beide einfach toll sind.Wie die interkulturelle Kommunikation zwischen den Geschlechtern funktioniert, hat Dirk Cieslak auf amüsante Weise herausgearbeitet.Alles ist hier Herbeireden, Einreden, Überreden.Gefühle scheinen nurmehr ein sprachlicher Effekt zu sein.Judica Albrecht als Vamp in Himmelblau und Armin Dallapiccola im Seventies-Look von ausgesuchter Scheußlichkeit zelebrieren die sprachlichen Klischees, zwischen Schlagertext und Kontaktanzeigen-Prosa.Die Inszenierung entwickelt eine eigene Künstlichkeit, indem Text und stilisierte Bewegungen sich reiben.

In "Renates Traum" muß Petra Bogdahn mehrmals den Rock hochziehen und sich die Isabella-Rossellini-Schlampen-Perücke überstülpen, Armin Dallapiccola weist die Lederjacke als Brutalo aus, bei Nils Bormann trägt die jungmännliche Unschuld Trainingshosen.Hier werden nur noch Zeichen zitiert, ist alles ein Verweisungszusammenhang - die morbide Blue-Velvet-Erotik wird nur angedeutet.Was hier aber untersucht wird, bleibt unklar.Menschliche Obsessionen werden nicht nahegebracht, geschweige denn erklärt.Auf der Bühne nimmt sich das alles reichlich steif aus.Ein Actionfilm ganz ohne Action: Von der ausgestellten Gewalt bleibt bei "Wiese fickt Baum" nach Tarantino nur die verbal vermittelte Gewalt übrig.Zwei Ganoven disputieren lakonisch über das Killen und die Moral.Dabei werden auch Formen der verbalen Brutalität, die Verrohung der Kommunikation vorgeführt.Sex und Gewalt sind nun untrennbar liiert: Körperliche Annäherung erscheint nur als Übergriff vorstellbar.Die Schauspieler in Sportswear rennen hektisch über die Bühne, tänzeln nervös auf der Stelle - ihrem Textvortrag vermag die äußere Bewegtheit nicht auf die Sprünge zu helfen.Doch am Ende interessiert sowie nur die ausgestellte Coolness; im Gegensatz zu den vorangehenden Szenen ist hier bereits alles verloren: Unschuld und Illusionen.Nach einem gelungenen Auftakt geht diesem postmodernen Zitatentheater aber schnell die Puste aus.Das intellektuelle Spiel mit Zeichen und Diskursen vermag nicht zu fesseln.

Sophiensäle: 29.- 31.5.jeweils 21 Uhr

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