Kultur : Du brauchst nur ein gutes Karma

Das BKA-Luftschloss ist umgezogen. Es steht jetzt in der Wüste. In Friedrichshain. Aber die Wüste lebt

Kerstin Decker

Ein Risiko beim Umziehen ist, dass nachher keiner mehr weiß, wo man wohnt. Bis vor kurzem hätte selbst ein Außerirdischer das BKA-Luftschloss gefunden. Denn das BKA-Luftschloss bildete gewissermaßen den symbolischen Mittelpunkt des Landes. Nur wenige Länder stellen Zelte in ihre symbolischen Mitten. Wilhelm von Boddin sah das auch so. Manchmal durchmaß der Anhänger einer konkurrierenden Luftschloss-Idee mit seinem Zollstock fast täglich den Biergarten des BKA-Luftschlosses, trug einen festen Nichts-ist-für-immer-Gesichtsausdruck und hielt den Blick ansonsten streng nach unten. Auf die Unterlage. Denn selbst Luftschlösser brauchen eine feste Unterlage. Das ist ihre Schwäche. Das macht sie so angreifbar. Der Schlossplatz war als Unterlage – das hatte die PDS der Berliner Kabarett Anstalt gleich gesagt – nur vorläufig. Das war vor sechs Jahren.

Franziska Kessler und Rainer Rubbert sitzen am Fenster ihres neuen künstlerischen Betriebsbüros und schauen so selbstvergessenen-zufrieden nach draußen wie das Menschen tun, die gerade die beste Entscheidung ihres Lebens getroffen haben. Hier her kommen! Auf diesen Platz. Rainer Rubbert ist ein BKA- Mann der ersten Stunde und Franziska Kessler ist eine BKA-Frau der zweiten Stunde. Der Geschäftsführer und seine künstlerische Leiterin. Da draußen? Ist eigentlich nichts. Wenn man nicht gewillt ist, nie gemähtes Gras und viele tote Gleise als etwas zu betrachten.

Früher führten die Gleise direkt bis an die Agitations- und Propagandazentrale der DDR. Gleich hinter dem Redaktionshaus des „Neuen Deutschland“ am Ostbahnhof war die ND-Druckerei, und von dort brachten die Züge die gute Botschaft (Der Sozialismus wird siegen!) jede Nacht in alle Teile der Republik. Nach 1990 hörte das plötzlich auf, vielleicht auch weil es übertrieben ist, jeden Tag so viele Züge mit immer derselben Nachricht loszuschicken. Deshalb können Franziska Kessler und Rainer Rubbert ihr Musik-Show-und-Musical-Luftschloss jetzt direkt neben den Gleisen aufschlagen. Endlich haben wir richtige Nachbarn!, sagt Franziska Kessler. Nachbarn? Haben wir da jemanden übersehen? Bis eben hatte das BKA den Berliner Dom, das Zeughaus und dergleichen als Nachbarn. Jetzt sind’s die „Möbelrampe Sonderposten“ und Aldi. In der Möbelrampe gibt es Polstersessel für 9 Euro und bei Aldi alles, was man für einen gelungenen Abend in einem 9-Euro-Sessel braucht. Rechts ist dann die Möbeloase, aber die ist teurer. Wer jetzt ins BKA will, läuft oder fährt einfach immer weiter, bis er zum ersten Mal das ganz deutliche Gefühl hat, dass hier gar nichts mehr kommt. Dann ist er richtig.

Dann kommt noch eine Weile gar nichts und irgendwann leuchtet das altbekannte Zelt. Nun gut, ein wenig unsicher waren Franziska Kessler und Rainer Rubbert am Anfang schon. Aber als dann dieser Wiener, der im Oktober ein Frank- Zappa-Musical aufführen wird, gleich den ersten Flieger genommen hat, nur um die Energie des Platzes zu prüfen, sind beide ganz ruhig geworden. Karma. Der Österreicher hat das Luftschloss wirklich gefunden und dann stand er da, um sich herum lauter Nichts, und sprach: Das ist ja hier wie im Wien der Sechziger!

Rainer Rubbert ist eigentlich Komponist, aber wegen der besseren Überlebensaussichten komponiert er nur noch nachts und kümmert sich tagsüber ums BKA. Als das BKA Anfang der Achtziger nur Kabarett spielte, war er auch schon dabei. Als Kabarettpianist. Damals war alles noch sehr übersichtlich. Auch andere durften bei ihnen spielen, etwa solche No-Names wie Rosenstolz (vor dreißig Leuten). Da wurde es schon etwas komplizierter.

Der komplizierteste Tag im Leben des BKA aber war der 23. April 1998. Eigentlich war es ein besonders schöner Tag, nämlich der 10. BKA-Geburtstag und zwei kleine BKA-Zelte standen am werdenden Kulturforum beim Potsdamer Platz. Der Senat schickte als Gratulanten ein paar Bagger. Morgens um acht waren sie da und fuhren gleich in die beiden BKA-Zelte hinein. Eine Räumungsmethode mit bemerkenswerten Kollateralschäden: Liquidierung des Räumungsgutes. Als die Bagger wieder draußen waren, gab es keine BKA-Zelte mehr, die den Kulturbegriff am Kulturforum gestört hatten. Mit dieser Form von Kunstkritik hatten Kessler und Rubbert nicht gerechnet.

Am Schlossplatz begann es noch einmal ganz von vorn. Es war eine gute Zeit auf dem Schlossplatz, finden Kessler und Rubbert. Wenn man mal von den fünfzig japanischen Trommlern absieht, die eines Abends die sanfte Chansonette im Zelt von draußen niedertrommelten. Hier am Ostbahnhof werden niemals fünfzig japanische Trommler vor der Tür stehen. Hier wird auch keiner die BKA- Zelt-Rückwand zur Marianne-Rosenberg-Zeltvorderwand erklären. Und wo sollte Herr von Boddin wohl anfangen zu messen?

Einen Biergarten bekommt das Zelt natürlich auch, und eine Partyhalle. Das ist der künftige Kaisersaal. Vor allem aber: zum ersten Mal hat das Luftschloss einen festen Mietvertrag. Und plötzlich verstehen wir alles. Franziska Kessler und Rainer Rubbert sehen einfach aus wie Menschen mit einem festen Mietvertrag.

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