Kultur : Du, eklig’s Austria

Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ an den Münchner Kammerspielen

Mirko Weber
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Mal dreist, mal aasig, mal frivol. Mörderbande in Feinripp. Foto: dpa

Uralte, immer wieder unangenehme Frage des Jägerburschen Max in Carl Maria von Webers „Freischütz“: „Lebt kein Gott?“ Man kommt in den Münchner Kammerspielen drauf, weil gleich zu Beginn der Uraufführung von Elfriede Jelineks neuem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ Motive aus der Oper in einer Kneipen-Fassung wabern: das christliche Schicksalsstück als spießbürgerlicher Abendausklang. Regisseur Jossi Wieler hat das wohl mit Bedacht so arrangiert. Denn was Adorno in der Weberschen Wolfsschlucht sah, eine „Höllenvision aus Biedermeierminiaturen“, haben wir auch hier versammelt. Vordergründig ist dies auf Anja Rabes dunkel getäfelter Bühne mit elf Klappsitzen vor elf Klapptüren: ein ehrenwertes Totenhaus.

Was Rechnitz auch gewesen sein muss. Im Kern ihrer Suada spürt Elfriede Jelinek der Gräfin Margit Batthyány, Enkelin von August Thyssen, und ihren Freunden nach, die im März 1945 auf Schloss Rechnitz im Burgenland auf dem Höhepunkt einer Festivität (und kurz bevor die Russen kommen) die Gewehre in die Hand nehmen und 180 Juden ermorden. Die Leichen werden verscharrt. Das Grab ist bis heute nicht gefunden. Die Gräfin, Geliebte des damaligen NS-Ortsgruppenleiters Franz Podezin, verhilft ihm nach dem Krieg in die Schweiz, später gelangt er nach Südafrika. Zwar gibt es einen Prozess, doch bleiben alle Beteiligten unbehelligt. Margit Thyssen stirbt 1989.

In den Neunzigern machte Eduard Erne über das heutige Rechnitz den Dokumentarfilm „Totschweigen“. Da sagt ein Burgenländer, dass die Juden eine Klagemauer hätten und sie in Rechnitz „eine Schweigemauer“. Der britische Journalist David Litchfield kam letztes Jahr in der „FAZ“ unter der Überschrift „Die Gastgeberin der Hölle“ auf die Geschehnisse von 1945 zurück. Man muss das alles wissen – und auch, dass keiner mehr genau nachvollziehen kann, was in jener Nacht passierte –, um zu verstehen, warum Elfriede Jelinek das österreichische Tabu Rechnitz auf der Bühne brechen lassen will. Worüber nicht geredet wird, darüber kann man zumindest plappern lassen.

In „Rechnitz“ sind keine Rollen vorgegeben, es sprechen, schreibt Jelinek „nur die Botinnen und Boten (es kann auch nur einer oder eine allein sein, das bleibt der Regie überlassen)“. Überhaupt, heißt es wenig später, könne man das natürlich „alles vollkommen anders machen“. Nun, Jossi Wieler macht es anders. Er lässt ein hereintänzelndes Kammerschauspielervirtuosenquintett (Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf, Hildegard Schmahl) agieren. Zunächst sehr locker: Massenmörder in Mittsommernachtslaune. Sie tragen Abendgarderobe und Feinripp und schließlich Alltagsgewand inklusive Gürtelschnalle mit Bundesadler: du, eklig’s Österreich. Es gibt Essen, das nach falschester deutscher Gemütlichkeit riecht: Pizza, harte Eier, Brathendl und Schoko-Sahnetorte. Natürlich beschmieren sich zuletzt alle. Es ist braune Schokolade.

Der Rest wäre Sprache. Oft sind es aber nur Phrasenblöcke, verschachtelte Monstrositäten, Kalauer: „Ich weiß, ich sollte vor meiner eigenen Tür kehren, aber da liegt immer so viel Mist herum…“, Rechtfertigungsvolten: „Eine Gewissheit finden sie nicht so schnell, die müssen sie sich verschaffen…“, und immer wieder syntaktische Rückkoppelungen: „Fast 200 erledigt, also 180? Das ist nur einmal passiert, das ist nun einmal passiert…“ Jelineks Monstermenschen reden sich mal genießerisch (Schmahl), mal frivol (Bürkle), mal dummdreist (Scharf), mal aasig (Kremer), mal scheinphilosophisch (Jung) um Kopf und Kragen. Ihr Gemüt, das ist schnell klar, liegt unter dem Niveau eines Fleischerhundes. Aber Dämonie auf der Bühne wäre jetzt auch etwas anderes. Wieler rettet sich zunächst geschickt in eine Boulevardisierung des Stoffes.

Dann jedoch gibt die Textfassung kaum mehr etwas her. Längst hat sich der Gesprächsfaden (die Gräfin, Rechnitz, der latente Faschismus in uns allen) abgespult. Den Epilog erspart uns Wieler. Jelinek hatte vorgeschlagen, die Boten abgehen zu lassen und „alles“ zu demontieren. Dann wären ausgestopfte Tiere an die Wand genagelt worden; anschließend wäre eine Diskussion unter Menschenfressern geführt worden unter besonderer Berücksichtigung des Psalms 23. Mit einem Wort: Jelinek wollte doch noch ins Metaphysische. Wieler lässt dann aber noch einmal etwas aus dem „Freischütz“ spielen. Großer Beifall.

Wieder am 1., 5., 13. und 20. Dezember

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