Kultur : "Du hast keine Chance, darum nutze sie"

Ulrich Karger

Was für eine Zukunft, in der es nur noch in einer für "Perfs" zugänglichen Region grüne Wiesen, klares Wasser und blauen Himmel gibt! Die Perfs entstammen einer genetisch perfektionierten Generation von Menschen, und sie schirmen ihr "Eden" gegen eine nahezu vollständig verwüstete Umwelt ab, in der nach dem "großen Beben" Elend und äußerste Gewaltbereitschaft das Überleben kennzeichnen. Banden wie die Bully Bangers beherrschen ihre Reviere mit gnadenloser Brutalität, und alle, die schwächer sind, können von Glück reden, wenn sie lediglich wieder einmal ausgeraubt werden.

"Spast" ist Epileptiker und zählt zu den als Versagern angesehenen Schlurfs, die sich mit kleineren Auftragsdiebstählen über Wasser halten. Wegen seiner Behinderung ist er auch von der einzigen Fluchtmöglichkeit ausgeschlossen, die das Leben in der "Urb" bietet: Direkt ins Gehirn gejagte elektrische Impulse, die alle Arten von Log-Shows bieten und derart unmittelbar wirken, dass man meint, ein Teil von ihnen zu sein. Doch dann lernt Spast den alten Ryter kennen und unternimmt zusammen mit ihm und einem verlassenen fünfjährigen Kind eine Odyssee quer durch die Reviere, um seine todkranke Schwester zu besuchen und sie in Eden behandeln zu lassen.

Wie schon in seinem erfolgreichen Jugendroman "Freak" setzt Rodman Philbrick in "Der Weg nach Eden" auf den nicht nur in den USA beliebten David-Goliath-Spannungseffekt. David meint hier insbesondere jugendliche Underdogs, die nur höchst selten zu einem Buch greifen - aber gerade sie will Philbrick unverdrossen auf die Reise mitnehmen. Und seine Chancen stehen nicht schlecht, denn ihm gelingen schonungslose Zustandsbeschreibungen, in denen sich die Jugendlichen wiederfinden können. Und in dieser Science-Fiction-Geschichte hat er die Zustände sogar noch zugespitzt. Seine Gegenmittel sind die Philosophie eines "Du hast keine Chance, darum nutze sie" und der Erwerb von Wissen.

So erweisen sich gerade, wie in der Fabel von dem Löwen und der Maus, die scheinbar Schwächsten als sehr hilfreich für Spast - der kleine "Schoko" als Wegefinder und der alte Ryter als Bewahrer von Erinnerung, der Spasts Epilepsie hinsichtlich der verheerenden Wirkung der Log-shows geradezu als Glücksfall betrachtet und ihn zudem in eine Reihe außergewöhnlicher Staatenlenker und Denker zu stellen weiß.

Das Bindeglied zu Eden ist das Perf-Mädchen Lanaya, das Spast schließlich auch zur Rettung seiner Schwester verhilft. Ihre Arroganz wandelt sich in Respekt vor seinen Fähigkeiten als Urb-Bewohner, der offenbar auch ohne genetische Perfektionierung zu großen Leistungen fähig ist. Und spätestens hier lesen wir ein zwar hoffnungsfroh stimmendes, jedoch nur an unvollständig entwickelten Symptomen laborierendes Märchen. Denn auch wenn die Erzähldynamik einen Seite für Seite vorantreibt und das Ende bei allem Erkenntnisgewinn für Spast nicht alle Probleme in einem süßlichen Happy-End beseitigen will, setzt der Autor die gentechnischen Veränderungen leider allzu einseitig als Fortschritt voraus, als dass hier wirklich über den Tellerrand geblickt werden könnte.

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