Kultur : Du hast mein Handy berührt

Ulf Lippitz

Kein Zuckerschlecken, so ein Erbe. Immer wird sich Enrique Iglesias an seinem Vater Julio messen müssen: an seinem Ruf als Platten-Millionär wie als Playboy. Ein Sex-Hit-Cocktail in der zweiten Generation. Deswegen sind sie ins Tempodrom gekommen. Die Mädchen aus Magdeburg und die Frauen aus Frohnau. Zu Beginn kann die sirenenhaft aufjaulende Masse die Galanterie eines Latino-Lovers nur erahnen. Sie muss sich an den verpoppten Samba-Rhythmen und dem lodernden Feuer auf der Video-Leinwand wärmen. Der Star selbst schreitet verkrampft über die Bühne.

Iglesias sucht Halt in der neunköpfigen Band und tauscht Nettigkeiten mit dem Percussionisten aus. Eine blonde Schönheit trägt unverzagt ein Plakat spazieren: "Du hast mein Handy berührt - erinnere dich!" Mit dem Hit "Bailamos" bricht er das Eis, weil er nun erfüllt, was allseitiges Begehr ist: schwungvolle Disco-Musik, dick aufgetragener Schmelz und erotisch rotierende Körperpartien. Die Essenz eines Iglesias-Abends liegt um die Gürtellinie und nicht um die Stimmknoten herum versteckt. Der Sänger verliert alle Hemmungen. Er kniet am Bühnenrand, so nah, dass Ordner schützend ihre Hand vor den Schritt des Stars halten müssen angesichts der um sich greifenden Klauen. Für die Ballade "Could I Have This Kiss Forever" inszeniert er mit einer Background-Sängerin diverse Liebes-Fantasien als lust-freien Softcore. Überraschend verwebt er gen Ende den Schmuse-Hit "Hero" mit dem Prince-Klassiker "Purple Rain". Sinnenfreude, wohin man schaut. Wie der Vater, so der Sohn.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben