Kultur : Du Ku’damm, du!

Vor den Theatern sterben die Kinos. Eine Erinnerung / Von Ilja Richter

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Du Ku’damm, du! Du alte Schlampe! Sag nicht: „Moment mal, ich bin eine Dame, Sie Arschloch !“ Diese Redensart ist nicht so alt wie du, du Kudame, als man noch Sie zu dir hätt’ sagen können; damals – zu Zeiten von Wilhelm Zwo. Die Fürsten gingen – der Ku’damm blieb und tanzte Charleston. Seitdem klafft eine Lücke zwischen Ku und damm. Sie wurde gefüllt. Die Geschichte ist wie ein Zahnarzt: Nicht jede Plombe hält.

Dass dieser Boulevard einst nichts weiter als ein Ausrittsweg gewesen ist, bis ins 18. Jahrhundert hinein, eine Art Trampelpfad der Brandenburger Dynastie, auf dem Weg zur Jagd – lang ist’s her. Soll ich jetzt schreiben: „Ich erinnere mich noch recht gut, wie der Papa vom jungen Fritz, der mal der Alte genannt werden würde, mich beim Vorbeireiten herzlich grüßte?“ Erstens ist mein Geschlecht zwar fünftausend Jahre alt, mütterlicherseits, aber so alt bin ich nun auch wieder nicht, und zweitens wäre ich schon alleine väterlicherseits vom Papa Fürst und Junior Fürst nie wirklich zur Kenntnis genommen worden – damals – auf dem Kurfürstendamm. Ich bitte Sie! Ich! Der Sohn eines Kneipiers, zog mich anno 1961 piekfein an, um extra chic zu sein für den Boulevard der feinen Leute. Das war Anfang der Sechziger völlig übertrieben. Die Banalisierung dieser großbourgeoisen Meile war bereits zu diesem Zeitpunkt erfolgreich vorangeschritten.

Gewiss, es gab oberhalb des schon immer stiller gewesenen Kurfürstendamms noch das Restaurant Ricci. Hätte ich als Elfjähriger bereits „Anatevka“ gekannt, hätte mich mein kindlicher Kalauer-Drang „Wenn ich einmal Ricci wär!“ ausrufen lassen; aber das Lied vom „Fiddler on the Roof“ hatte noch nicht das so gut wie „entjudete“ Deutschland erreicht. In Berlin gab es in den Cafés ein paar alte Restjuden. Sie saßen im Café Schilling vis-à-vis der Gedächtniskirche und konnten einfach nicht vergessen. Ich saß oft unter ihnen, mit Papa auf Mama wartend. In diesem Café Schilling, zwischen falschem Barock, Spiegeln und wilhelminischen Armleuchtern, stand sogar, zeitweise, ein goldbemützter Türsteher. In Livree und Epauletten und Streifen an der Hose. Dick und Emil Janingsdoof. Artig saß ich also inmitten der Café Schillingspracht.

Nun zur Geographie des Kurfürstendamms. Reden wir vom Nord- und Südpol dieser Kurfürstendamenundherren: oben das Restaurant Ricci, wie erwähnt, mit dem noch nicht erwähnten ganzen Charme der Gunther-Sachs-Kopisten; das Original, jener echte sachsmotorige Sohn und Erbe, soll dort oft gesichtet worden sein; wenn er nicht gerade, per Hubschrauber, die Bardot mit Rosen bombardierte. Unten, also am Südpol jenes exkurfürstlichen Damms, war alles ein bisschen volkstümlicher. Das Schilling ist heute ein Hennes & Mauritz-Lager für „Kids“. Später einmal werden die Archäologen hinter den unzeitgemäß gewordenen Regalwänden die dummen Putten wieder hervorkratzen und sagen: „Herr Kollege, schauen Sie nur: echt falscher Spätbarock aus der goldenen Zwanziger-Steinzeit.“

Nun vom Süden wieder zum Norden. Das Ricci müssen Sie sich in die Kassenhalle der Schaubühne denken. Und das Café Leon noch hinzuträumen. Dort saß einst Kästner und nahm Tucholsky übel, dass der ihm übel nahm, dass er Kästner war. Neuschnee von gestern. Der gesamte Schaubühnenkomplex, ein original Mendelssohn-Bau, war vor 1933 die künstlerische Heimat für das KA-DE-KO, das Kabarett der Komiker. Das war ein Kabarett, das im Widerspruch zum „KA“ eher Cabaret machte – leichte Kost; dem amüsierhungrigen, bürgerlichen Publikum von Berlin zuliebe. Am Tag gab er sich mit Sachlichkeit dem Jeschäft hin, aber später: oh, frivol war ihm am Abend. Berlin machte auf Paris.

Was dabei herauskam, war immer ein bisschen Potsdam. Das gilt bis zum heutigen Tag. Siehe Potsdamer Platz. Berlin scheitert immer am Großen. Aber nicht im Ganzen. Alles ein bisschen zu klein, dafür immer ein bisschen zu laut. Barfuß oder Lackschuh? Egal, alles Salamander. Berlin ist nicht – Berlin wird. Und das für immer. Berlin spielt immer Kintopp: aber immer den selben Film der kleinen Leute.

Meine Großkinoerlebnisse habe ich hoch oben am Ku’damm im ehemaligen KA-DE-KO gehabt, dem Capitol, wie es sich damals nannte. Dort liefen „Ben Hur“, „El Cid“, etcetera. Im kleinen Studio nebenan gab es die verbotenen Sachen: „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman, oder einen der ersten Aufklärungsfilme: „Helga“ (mit einer echten Geburt). Ich war vierzehn, hatte mich und meine Akne erfolgreich an Kinokassiererin und Kartenabreißerin vorbeigemogelt. Schwer bereut hab’ ich mein Tun. Die Szene schockierte mich.

Im Café Möhring, vis-à-vis vom Cinema Paris, hab ich mich bei einer heißen Schokolade erholt. Auch dort saßen ab vormittags vorwiegend alte jüdische Herrschaften, die klagend Mauertouristen beäugten; an Marmortischen, rund, und wie mir heute scheint, im besten Wiener Kaffeehaus-Stil, die Tische meine ich. Denn die, die da um sie herum saßen, waren eher berlinisch oder galizisch. Ein Wiener fiel eher auf. Durch Charme. Berlin hat mehr Witz. Und Tempo. Wobei noch angemerkt sei, dass Berlin durchaus mit einem Café Wien dienen konnte; im Haus der Filmbühne Wien, gewissermaßen das Burgtheater unter den Lichtspielhäusern. Von Kinos, die alle noch existierten, mehr oder weniger gut, muss man sagen, denn: Das TV-Gerät war Anfang der sechziger Jahre bereit der Rammbock des Filmwesens.

Es erging den Palästen bald so, wie es demnächst den Kurfürstendammtheatern ergehen wird. So, wie ich Mitte der Siebziger die Abrissbirne am MGM-Kino, Kurfürstendamm, Ecke Bleibtreustraße, ihre Arbeit verrichten sah, werde ich, eines nicht sehr fernen Tages, vor einem neuen Abgrund stehen. Der schwarzlackierte Marmor bröckelt in meinen Träumen immer wieder, zeitlupenhaft, durch längst verlebte MGM-Zeiten.

Bald werden jedenfalls auf dem Kurfürstendamm, der geschundenen Schlampe, Ton, Steine, Scherben fallen. Und – auferstanden aus Ruinen –, und alles ohne Krieg, wird Beton über Vergangenheit gegossen. Frei nach Schiller, Goethe & Co. dem Guten, Wahren, Schönen dienend. Einem kindlichen Missverständnis zu Folge las Max Ophüls, als Knabe einst im heimatlichen Osnabrück, diesen Wahlspruch. Nun war das Mäxchen aber Sohn eines Kaufmanns, der wusste, wie wichtig dem Papa die Qualität der Ware war. Also rückte das Kind vor seinem kindlichen Auge den Satz, wie er fälschlich am Dachportal des Stadttheaters prankte, vatergerecht zurecht: „Den schönen, guten Waren.“ Der kleine Max als Visionär. Längst hat ja Form vor Inhalt Hochsaison.

Ein paar Nüsse kauend, lassen Sie es peanuts sein. Ich sitze auf einer deutschen Bank und werde lyrisch: „Ich bin zur Kur, Ihr Fürstchen fein, und kotze schon mal vor. Und Euer Damm bricht – etwas später ein.“

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