Kultur : Du musst ein Schwein sein

Andreas Dorau, Veteran der Neuen Deutschen Welle, veröffentlicht ein grandioses Dance-Album

Christian Schröder

Lob der Persönlichkeitsspaltung: Nur eines ist noch besser als Schwein zu haben: selber Schwein sein. Das Cover des neuen Albums von Andreas Dorau zeigt den Künstler gleich in doppelter Ausfertigung. Dorau I nimmt Dorau II in den Arm, wobei auf die Schultern von Dorau II der borstig behaarte Hinterkopf eines Wildschweins montiert ist. Die Platte, die heute erscheint, heißt „Ich bin der eine von uns beiden“ (Mute/Emi), der Titel ist ein nur halb ironisch gemeintes Bekenntnis zu einer Persönlichkeitsspaltung. Mindestens zwei Seelen wohnen in der Brust des Hamburger Sängers und Keyboarders: Einerseits liebt er die Melodienseligkeit und die Dreiminutendramen des klassischen Popsongformats, andererseits ist er ein Fan der Housemusik und ihres elektronisch tackernden Entgrenzungsversprechens. Dorau I will Künstler sein, Dorau II auf dem Dancefloor die Sau rauslassen.

„Man könnte das so stumpf abhandeln, ich verweise lieber, ohne blasphemisch werden zu wollen, auf Lennon/McCartney“, sagt Dorau. „Da gibt es ja auch diese Zuschreibungen: Lennon als Zyniker und Großkünstler, McCartney als Popularist. Darüber regt sich McCartney heute noch auf, dass das Kunstinteresse immer nur Lennon unterstellt wird, wobei doch er Cage entdeckt habe und in London in die Galerien gegangen sei.“ Der Mann vergleicht sich mit den beiden größten Denkmälern der Popgeschichte, ist er übergeschnappt? Bei Dorau, der früher damit warb, „Deutschlands Popstar Nummer 3 nach Marlene Dietrich und Romy Schneider“ zu sein, ist unklar, wo der Ernst aufhört und der Unernst beginnt. Zum Interview in einem Café am Prenzlauer Berg erscheint er in unauffälliger Angestelltentracht, mit grauem Pullover und strengem Seitenscheitel. Selbst nach den absurdesten Äußerungen verzieht er keine Miene.

So trocken wie auf seinen Platten die elektronischen Rhythmen vor sich hin tschackern, ist auch der Humor dieses Radikalentertainers. Wahrscheinlich gibt es für ihn keine größere Beleidigung als die Mitteilung, man fände seine Musik „witzig“. Dabei fügt Dorau auch auf „Ich bin der eine von uns beiden“ wieder zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört, es gelingt ihm, das Verquere funky klingen zu lassen. Die Einsamkeits-Ballade „Du bist nicht wie die anderen“ erinnert mit hallendem Pianopathos und säuselndem Backgroundchor an die Schmachtchansons des mittleren Udo Jürgens. Bei „40 Frauen“ jagt er, wie einst Stevie Wonder, seine näselnde Stimme durch einen Vocoder-Verzerrer und schnarrt den Gaga-Vers „40 Frauen mit blondschwarzen Haaren durchwandern die Auen“, im Hintergrund geben klebrige Synthiestreicher wie vom Love Unlimited-Orchester des seligen Barry White ihr Bestes. „Schwarze Furchen“ ist eine Art Miniaturmärchen aus dem heutigen Berlin, das Keyboard scheppert wie in der Casio-Steinzeit, während der Sänger nölt: „In Rotten ziehen sie durch die Stadt / Und sind erst nach Stunden satt.“

Zu dem Schwarzkittel-Epos, Vorlage auch für die Cover-Illustration, ließ sich Dorau von Zeitungsmeldungen über Wildschweingruppen inspirieren, die Zehlendorfer Vorgärten verwüsteten. Für Zoologisches interessiert sich der Sänger schon länger, er findet Schweine „unterschätzt und fehlinterpretiert“. Dabei figurieren die Säue in „Schwarze Furchen“ nur als Medium, für Dorau ist der Song eine Fabel, die in Tiergestalt etwas über den Menschen mitteilt. „Es geht um andere Wesen, die nach Berlin kommen. Mehr sage ich nicht.“ Kein Augenzwinkern. Andreas Dorau ist seit einem Vierteljahrhundert so etwas wie der Till Eulenspiegel des deutschen Pop. Ende der Siebzigerjahre war er schon bei sieben Gitarrenlehrern „wegen notorischen Nichtübens“ rausgeflogen, bis ihm sein neuer Übungsleiter Holger Hiller, später Sänger der NDW-Band Palais Schaumburg, eine Vierspur-Bandmaschine auslieh. „Damit konnte ich auch als Dilettant Musik zustande bringen, im Prinzip arbeite ich bis heute mit dieser Collage-Technik.“ Seinen bis heute größten Hit nahm Dorau 1981 bei den Projekttagen seines Gymnasiums mit dem Schulchor auf: den Mitsingschlager „Fred vom Jupiter“.

Doch der Erfolg machte den Jungstar nicht glücklich, im Gegenteil. „Die Achtzigerjahre könnte man gerne aus meinem Leben streichen“, sagt er heute. Dorau gefiel die Musik der Netzhemd- und Aerobic-Ära nicht und auch nicht das „aufgeblasene Lebensgefühl“. Weil er das Gefühl hatte, „nichts mehr zu sagen zu haben“, zog er sich 1983 aus der Popbranche zurück, um Film zu studieren und „um mir mit Flohmarktplatten die Musik der Sixties und Seventies systematisch zu erarbeiten“. Erst Ende der Achtzigerjahre, als die Acidhouse-Revolution begann, war Dorau wieder gleichauf mit dem Zeitgeist, die Platten, die er von da an veröffentlichte, wirkten deutlich Dance-orientierter. Aus dieser Zeit rührt auch die Freundschaft mit dem Kölner House-Musiker Justus Köhncke, mit dem er eine etwas abseitige Vorliebe für die Stücke von Juliane Werding und der Münchner Freiheit teilt, „aus ehrlicher Verehrung heraus, nicht aus Trash-Gründen“. Köhncke war neben dem Hamburger Produzenten Marcus Rossknecht der wichtigste Sound- und Ideengeber bei der neuen CD.

Acht Jahre liegen zwischen „Ich bin der eine von uns beiden“ und dem Vorgängeralbum „70 Minuten ungeklärter Herkunft“. Ein Jahr brauchte Dorau, um sich aus dem Vertrag mit seiner alten Plattenfirma Universal zu klagen, die noch zwei weitere Platten von ihm erwartete und dafür „so komische Rock- und Kommerzproduzenten vorschlug“. Die übrigen Jahre vergingen, weil Dorau ein Perfektionist ist und eine musikalische Idee auch gerne einmal eine Zeit lang liegen lässt. Sein Geld verdiente er in dieser Zeit als Video-Consultant, der Bands und Musiker mit Video-Regisseuren zusammenbringt, zunächst fest angestellt bei Universal, inzwischen freischaffend. Die Arbeit an dem Video zu „Kein Liebeslied“, seiner aktuellen Single, hat er trotzdem komplett dem Regisseur überlassen. „Zu meinen Stücken sehe ich nie etwas vor mir.“ Das Video erzählt das Drama eines Curling-Champions, der aus der Höhe des Ruhms ins Nichts abstürzt. Ein Wildschwein kommt auch darin vor.

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