Kultur : Du schaust Kunst, und die Kunst schaut dich

SANDRA LUZINA

Beim Tanz-Projekt "Hautnah" geht es zu wie im Bordell: Der Zuschauer wählt sich einen Darsteller und verschwindet mit ihm im Seperée.Zwei ErlebnisberichteVON SANDRA LUZINAArthur führt den Zuschauer zu einer kleinen Plattform im Freien, dicht umgeben von Büschen und Bäumen - ein intimer Ort der Stille.Arthur kauert auf dem Boden und sammelt sich, während der Gast auf einem Schemel sitzt.Er rückt nahe, hautnah, zieht sich zurück.Arthur klärt den Gast über die Aufgabe des Schamanen auf: eine prometheische Arbeit - die Reise zu den Göttern, um den Menschen neue Einsicht zu bringen.Arthur zieht sich aus und springt auf der Stelle.Er lädt sich mit Energie auf, die er seinem einzigen Zuschauer buchstäblich zu Füßen legt: Als Atem schnaubt er sie aus sich heraus.Der Vorgang wiederholt sich.Am Ende fragt Arthur mit fixierendem Blick, ob der Zuschauer ihm vertraue und ob er ihm vertrauen könne.Die Antwort, mit ebenso ruhigem Blick gegeben, ist beide Male ja. Arthur Kuggeleyn ist Holländer, laut Programmheft "Autodidakt und Nomade" und einer von zehn Solisten, die man in Felix Ruckerts Performance-Projekt "Hautnah" für eine kurze oder längere Weile mieten kann.Es geht zu wie im Bordell: Der Zuschauer wählt sich seinen Darsteller in entspannter Baratmosphäre, verhandelt den Preis und verschwindet mit ihm zum Tête-à-tête im Separée.Wer das jedoch nur als griffige Kritik verstehen will, Motto: Armer Künstler prostituiert sich gegen Geld, verfehlt den Kern der Aktion.Der Reiz liegt eher in der ungewohnten Intimität und Unausweichlichkeit der Situation.Der Zuschauer ist nicht mehr länger der im Dunkeln sitzende Voyeur; er wird selbst gesehen und auf seine Reaktionen überprüft. Bei Marika Rizzi wird er sogar aktiv einbezogen.Erst tanzt sie, forciert atmend einige wohlbekannte Motionen aus dem Repertoire der Pina Bausch.Dann entledigt sie sich ihres Sweaters, beteuert gleich darauf, ihr sei ein wenig kalt.Der Besucher streift ihr den Pullover über.In mehreren Situationen testet sie seine Reaktionen.Sie setzt sich einen Helm auf und zerdrückt brennende Streichhölzer darauf.Der Gast soll es ihr nachtun, verweigert.Sie fragt, ob er je in einer unangenehmen, schwierigen Situation gewesen sei.Sie verklebt sich den Mund, fesselt ihre Arme und Beine, rollt und zuckt hilflos am Boden.Der Mitleidsappell bleibt nicht unerhört.Der Gast befreit sie; sie dankt es mit einem Lächeln und einem tiefen Blick in die Augen. Überhaupt: die Augen.Das Fixieren, das direkte Anspielen sind Programm, nicht aggressiv, sondern allenfalls energisch oder auch charmant, je nach Charakter des Darstellers.Das hebt den Vorstellungscharakter nicht auf, verlegt die Theatersituation nur vom öffentlichen in einen privateren Raum, in dem zwei Fremde sich begegnen. Der Darsteller freilich behält das Heft in der Hand und folgt seinem vorbereiteten Verlauf.Trotzdem: Am Ende möchte man "seinem Akteur" danken für einen intensiven Moment in einem anderen Ort des Theaters.NORBERT SERVOS Die da aus den Séparées kommen, lächeln ganz beglückt - nur die eine oder andere Frisur ist derangiert.Nach dem ersten Mal wollen alle mehr.Aber sie hüllen sich in Schweigen, als müßten sie ein süßes Geheimnis hüten.Kein Zweifel, eine einzigartige Erfahrung steht mir bevor.Ein Darsteller.Ein Zuschauer.In der Produktion "Hautnah" von Felix Ruckert treffen sich Akteur und Betrachter zum intimen Beisammensein.Diese Kunst will nicht das gemeinschaftsstiftende Erlebnis, sie will anmachen.Was wird hier gespielt? Alles ist möglich oder nichts ist passiert? Strangers in the night oder: ich und du? Wie nah ist hautnah? Die segensreichen Wirkungen des human touch werden mittlerweile auch von großen Magazinen propagiert, das Schreckgespenst einer Generation, die nur mit ihrem elektronischen Haustier Tamagotchi aufwächst, wird heraufbeschworen.Und hier: Kunst als Surrogat für fehlende Nähe und Intimität, als sozialtherapeutische Maßnahme? Oder kommt diese Live-Art in der ungeschützten Begegnung, im direkten Gegenüber erst zu sich? Aus zehn Soli kann man auswählen.Meine erste Wahl ist Antoine Effroy. Während ich ihm durch ein Labyrinth aus roten Stoffbahnen folge, höre ich heftiges Atmen, Geräusche fallender Körper.Ich habe bezahlt, aber nun beginnt ein Spiel, dessen Regeln ich nicht kenne.Dem Franzosen mit den sanften Augen kann ich mich aber ruhig anvertrauen.Zögern, ein langer Blick.Standhalten oder Wegschauen? Schon die Fokussierung auf einen Zuschauer, der sich nicht im schützenden Dunkel des Theaters verbergen kann, provoziert eine Reaktion. Diese ungewohnte Nähe ist verwirrend, die massive Präsenz eines Körpers zu erfahren, der wie in einer Nahaufnahme zu sehen ist, lockt aus der Reserve.Auf Tuchfühlung mit dem Darsteller kann man sich nicht hinter einer reinen, interessenlosen Betrachtung verschanzen.Und auch nicht der genüßlichen Schaulust hingeben.Denn ich werde beim Sehen gesehen.Also nicht dasitzen und taxieren, sondern mitmachen.Antoine ist mutig.Er läßt mich den Rhythmus seiner Bewegung bestimmen.Er begibt sich in meine Hände.Zu diesem rehäugigen Beau muß man einfach nett sein. Die blonde Anne Rudelbach zieht einen Kreidestrich zwischen uns.Erleichterung und ein bißchen Enttäuschung.Sie zieht ihr Hemdchen aus und bedeckt ihre Blöße mit den Händen, bietet mir ihren schönen Rücken dar.Sie wirkt schutzlos und zugleich unnahbar.Ein delikates Spiel zwischen Ent- und Verhüllen, zwischen Bekenntnis und Bluff, dem Privat-Authentischen und dem Kalkül der Darstellung - so ist wohl jedes Solo angelegt.Die herbeigeführte Nähe: ist sie nicht eine - freilich sehr angenehme - Fiktion? Diese Fragen muß sich jeder selbst beantworten.Felix Ruckert lädt zum Selbstversuch ein. Weitere Aufführungen: bis Sonnabend, 16.August, jeweils 20 bis 24 Uhr im Dock 11, Kastanienallee 79.

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