Kultur : Du sollst mich nicht Nigger nennen, Whitey

Rebellion und Selbstbewusstsein: eine CD-Sammlung perfekter Popmusik präsentiert den Soul der Black-Panther-Ära

Malte Oberschelp

„When you hear what I got to say“, ruft Syl Johnson, „I’m shure you won’t be able to turn your head away. ’Cause what I’m gonna talk about, nobody wants to be without.“ Er schreit es und jault auf, wie ein Prediger, der das Reich Gottes heraufziehen sieht. „Im Talking About Freedom“ heißt der Song, den der Blues-Gitarrist Johnson 1969 aufnahm. Es war die Zeit, als Muhammad Ali den Wehrdienst in Vietnam verweigerte, US-Olympiasieger in Mexico City die Black-Power-Faust in den Himmel reckten und Martin Luther King ermordet wurde. Ende der 60er Jahre radikalisierte sich die Bürgerrechtsbewegung in einem Ausmaß, das die USA vor eine Zerreißprobe stellte. 1966 gründete sich die Black Panther Party for Self-Defense, die den gewaltfreien Widerstand der Schwarzen aufkündigte und uniformiert und bewaffnet durch die Gettos patrouillierte, um der als rassistisch empfundenen Monopolgewalt des Staates entgegenzutreten.

Nun erinnert ein 2-CD-Set, „Black & Proud. The Soul of the Black Panther Era", daran, wie die Musik auf diesen Prozess reagierte und ihn beeinflusste. Der Musikjournalist Jonathan Fischer hat vor allem Künstler für die Kompilation ausgewählt, deren Songs ausdrücklich politische Botschaften formulieren. Wie die Black-Muslim-Gruppe The Last Poets oder auch seinerzeit etablierte Stars (die Staple Singers, Curtis Mayfield), die erst später von konventionellen Liebesliedern auf politische Themen umschwenkten. Darüber hinaus zeigt „Black & Proud", wie Reggae-Bands aus Jamaika oder die Südafrikanerin Miriam Makeba den Message Soul nach Amerika importierten – und welche Verbindungen sich zur Gegenwart ziehen lassen.

Stevie Wonder als Kulturminister!

Einige Namen sucht man unter den knapp 40 Songs allerdings vergeblich. Dass ein für die Black Music so wichtiger Künstler wie Sly Stone („Don’t Call Me Nigger, Whitey") nicht vertreten ist, während Gil Scott-Heron („The Revolution Will Not Be Televised“) drei Mal auftaucht, ist schade. Auch fehlt die Spaßfraktion um George Clinton, dessen Gruppe Parliament 1974 in „Chocolat City" Stevie Wonder einen Job als Kulturminister in Washington anempfehlen wollte und später sogar deutlicher wurde: „Paint the White House black!" Und natürlich vermisst man James Brown, dessen „Say it loud, I’m black and I’m proud" immerhin titelgebend war.

Stattdessen eine Hommage an den Godfather of Soul: „James Brown" heißt der Song, mit dem ein Jugendchor 1970 seinen Helden verehrt. Die Kinderstimmen aus Rochester, NY, zeigen eine andere Qualität dieser Auswahl: Fischer hat Raritäten herausgesucht. Ein Instrumental der Jazzer Cannonball Adderley und Joe Zawinul beispielsweise, eingeleitet von einer Rede des späteren Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson. Einen Groove, in dem der Spiritual „Let my People go" in die 70er Jahre gerettet wird. Von Marvin Gaye ist nicht ein Song seines Hit-Albums „What’s Going On" dabei, auf dem der Soul-Star samtweich das Elend seiner Brüder und Schwestern beklagte, stattdessen hört man die Single „You’re The Man", die wegen ihrer radikaleren Aussagen nur in schwarzen Charts erfolgreich war.

Endstation Fischrestaurant

So entsteht das Bild einer Musikkultur, die untrennbar mit den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung verknüpft ist. Doch man muss das nicht wissen. Anders als bei anderen politisch aufgeladenen Musiken – weißer US-Folk der frühen 60er oder deutscher Betroffenheitsrock der Anti-AKW-Bewegung – wurde die Black Music nicht von Gesinnungen dominiert, ihre Stilmittel nicht dem Joch der Botschaft unterworfen. Viele Soul-Songs sind noch heute perfekt: Pop, der ins Ohr geht und etwas zu sagen hat.

Zum Schluss schlägt der Sampler eine Brücke in die Gegenwart, präsentiert eine Kollaboration der Last Poets mit Public Enemys Chefideologen Chuck D. Während die Black Panther Party durch FBI-Repressionen und mörderische Flügelkämpfe auseinanderfiel und Anfang der 70er faktisch nicht mehr existierte, pflanzte sich ihr Anliegen im Hip Hop fort. Längst haben Gangsta-Rapper die Lebensentwürfe der Parteigründer Huey P. Newton und Eldridge Cleaver – Theoretiker, Popstar und Krimineller in einer Person – aktualisiert und das weiße Amerika auf ähnliche Weise herausgefordert. Syl Johnson eröffnete derweil eine Fisch-Restaurant-Kette. Dass er mit seinen Songs nie den Durchbruch schaffte, während sie heute zu den beliebtesten Sampling-Vorlagen des HipHop zählen, ist eine Ironie der Pop-Geschichte.

Black & Proud. The Soul of the Black Panther Era 1 und 2 (Trikont)

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